Kinder im 2. Weltkrieg - Spuren ins Heute | April 2014

2 ODER 3 DINGE, DIE ICH VON IHM WEISS

Regie: Malte Ludin
D 2007 | 85 Min.
Die Familie eines Nazitäters, 60 Jahre nach Kriegsende. Längst ist die Wahrheit über die Vergangenheit des Vaters aktenkundig, aber unter seinen Verwandten wird sie beschönigt, geleugnet und verdrängt - mit all der Leidenschaft, zu der nur Familienbande fähig sind.
Hanns Ludin wird bereits in der Weimarer Republik berühmt, weil er in der Reichswehr für Hitler konspiriert. Nach 1933 steigt er schnell zum SA-Obergruppenführer auf. 1941 schickt ihn Hitler als Gesandten in den "Schutzstaat" Slowakei. Als "Bevollmächtigter Minister des Großdeutschen Reiches" soll er dort die Interessen Berlins durchsetzen: vor allem die "Endlösung". Nach dem Krieg wird Hanns Ludin von den Amerikanern an die Tschechoslowakei ausgeliefert, 1947 zum Tode verurteilt und hingerichtet.
Diese Tatsachen nimmt sein jüngster Sohn, der Filmemacher Malte Ludin, zum Ausgangspunkt einer schmerzlichen filmischen Auseinandersetzung mit den Legenden, die in der Familie über den Vater kursieren. Es entsteht ein intimes und doch beispielhaftes Filmdokument - ein hochemotionaler Bericht aus dem Inneren einer deutschen Familie.

"Wenn man in der Nachkriegszeit aufwuchs, in der ersten, zweiten, dritten Generation im Täterland nach Auschwitz, wurde die Familie oft zu einem sonderbaren Ort des Aufhebens der faschistischen Vergangenheit. Da gab es Bekenntnisse der Schuld und schiere Lüge, Umdeutungen und Übertünchungen, es gab einen Mythenschein um die Überlebenden und mehr noch die Toten aus den Reihen der Täter. Und nicht selten baute sich ein Familienroman auf einer solchen Lebens- und Geschichtslüge auf. Spätestens jetzt, wo uns der Faschismus als Unterhaltung und Faszinosum, als Metapher und Geschichte serviert wird, wo ein frivoles Spiel mit "Tabuverletzungen" gespielt wird und die Erinnerung an die Techniken und die Milieus der Verdrängung und Bearbeitung in den Familien der Nachkriegsgesellschaft verschwindet, wo endlich aus Verdrängung Gleichgültigkeit zu werden droht, ist es wohl angeraten, sich einer Prüfung wie diesem Film von Malte Ludin zu unterziehen, auch wenn es schmerzt, auch wenn keine Sicherheit hinter Kunst und historisierendem Dokument zu finden ist." (Georg Seeßlen)