Stummfilm mit Musikbegleitung | Mai 2013

Wiederaufführung der restaurierten 35mm-Fassung

TAGEBUCH EINER VERLORENEN

Regie: Georg Wilhelm Pabst | Buch: Nach einem Roman von Margarete Böhme (1905) | Kamera: Sepp Allgeier | mit Louise Brooks, Edith Meinhard, Vera Pawlowa, Josef Rovenský, Fritz Rasp u.a.
Deutschland 1929 | 111 Min.
Nach Verführung, Kindestod und Besserungsanstalt rettet sich die junge Thymian (Louise Brooks) in ein Bordell, wo sie "avanciert". Als geachtete Gattin eines Grafen wirkt sie schließlich für die Rettung gefährdeter Mädchen. Pabst, der mit US-Star Brooks zuvor "Die Büchse der Pandora" drehte, hinterfragt moralische Konventionen und entlarvt die bürgerliche Doppelmoral. - Interessant ist, dass der Regisseur eigentlich ein anderes Ende geplant hatte, das jedoch von der Zensur und seiner Produktion gestrichen wurde: Thymian sollte allen gesellschaftlichen Konventionen den Rücken kehren und Chefin des Bordells werden. Wie Siegfried Kracauer in seinem epochalen Werk über die Filmgeschichte schreibt, bringt Pabst "…die Immoralität des Mittelstandsmilieu aufs Tapet, dass das Bordell fast wie ein Kurort erscheint." Die moralischen Kategorien, Thema "par excellence" jedes Melodrams, haben hier keine Bedeutung. Die Elemente der Kolportage werden bei Pabst zu einem Alptraum der bürgerlichen Welt, die er durch das erstaunlich moderne und natürliche Spiel seiner Hauptdarstellerin entlarvt. "… Louise Brooks ist, vergleichbar den Statuen der Antike, jenseits aller Zeiten… Sie ist die Intelligenz des kinematographischen Prozesses. Sie ist die perfekteste Inkarnation des 'Photogenie'; sie verkörpert all das, was das Kino in seinen letzten stummen Jahren wiedergefunden hat: totale Natürlichkeit und totale Einfachheit.", so schrieb Henri Langlois 1955 im Katalog seiner Ausstellung "60 Jahre Kino.
„Tagebuch einer Verlorenen“ ist einer der wenigen deutschen Filme der 1920er Jahre, die wegen seiner Thematik einer rigorosen und umfassenden Zensur durch die deutschen Behörden unterworfen wurde. Wir zeigen die aktuellste restaurierte Fassung, die vor wenigen Jahren durch die Zusammenarbeit zahlreicher europäischer Archive und unter Verwendung in Uruguay wiederaufgefundener Szenen erstellt wurde.