Dein Land ist mein Land: „Generation Gastarbeiter“ * Literatur * Film * Ausstellung | Dezember 2011 bis Januar 2012

Migration ist, im Kulturbetrieb zumindest, angesagt. Mehrsprachigkeit und Hybridität gelten als Merkmal avancierter Literatur; im Zeichen von Inter-, Multi- oder Hyperkulturalität wird die künstlerische Produktion von Migrantinnen und Migranten als ‚kulturelle Bereicherung‘ gefeiert. Deren Anfänge in den 60er-, 70er- und 80er-Jahren sind demgegenüber weitgehend vergessen; bestenfalls werden sie mit raschen Etikettierungen wie ‚Gastarbeiterliteratur‘ oder ‚Literatur der Betroffenheit‘ als ästhetisch uninteressant abqualifiziert. Das Projekt ‚Dein Land ist mein Land‘ nimmt den 50. Jahrestag des Anwerbeabkommens mit der Türkei zum Anlass, um solche vorschnellen Einordnungen zu überprüfen. Ein halbes Jahrhundert nach Ankunft der ersten ‚Gastarbeiter‘ geht es um die einfache, für die gesellschaftliche und kulturelle Selbstverständigung in einem Einwanderungsland aber unerlässliche Frage ‚Was war da eigentlich?‘

Häufig als ‚Arbeiter auf Zeit‘ nach Deutschland gekommen, hat die ‚erste Generation‘ ihre Erfahrungen künstlerisch vielfältig verarbeitet, insbesondere in der Literatur. Diese war in ihren Anfängen ausnehmend politisch und organisierte sich in Zusammenschlüssen wie der PoLiKunst-Bewegung, die 1984 unter anderem auch in Freiburg im Breisgau tagte. Hier vereinigten sich KünstlerInnen und AutorInnen verschiedener Herkunftsländer – u.a. Franco Biondi und Gino Chiellino –, um ihre Stimmen zu Gehör zu bringen. Unter der ironischen Bezeichnung ‚Gastarbeiterliteratur’ wurden die Arbeits- und Lebensbedingungen sowie Stigmatisierungen und Ausgrenzungen dieser Generation scharf kritisiert.

Unser Programm nimmt den Alltag und die vielfältigen kulturellen und politischen Aktivitäten der »Generation Gastarbeiter« in den Blick. Im Gespräch mit Protagonisten der damaligen west- und ostdeutschen Literaturszene, die auch aus ihren Texten lesen werden, geht es um die Bedingungen und Besonderheiten migrantischen Schreibens der ersten Stunde. Das Filmprogramm präsentiert vielfach noch unbekannte, thematisch wie künstlerisch herausragende Produktionen von und über MigrantInnen aus dieser Zeit. Eine begleitende Ausstellung im Alten Wiehrebahnhof vermittelt in Texten, Fotografien, Zeichnungen und Gegenständen die vorwiegend lokale Atmosphäre, in der die Zuwanderergeneration in den 1970er und 80er Jahren lebte.

Ausstellung vom 9.12.10 bis zum 8.1.11


Als sich in den 1980er Jahren in der polynationalen „PoLiKunst“-Bewegung Schriftsteller zusammenschließen und offensiv ihre eigenen Worte für das Leben und Leiden im neuen Land (Buchtitel, 1980) prägen, bleibt Freiburg nicht unberührt von diesem neuen Selbstbewusstsein. Eine Art Motivationshilfe war die PoLiKunst-Jahrestagung 1984 in Freiburg, die von einem prallen Veranstaltungsprogramm in gemeinsamer Hand mit der Ausländerinitiative Freiburg begleitet wurde. Die Ausstellung Mein Land ist dein Land vermittelt mit Texten, Fotografien, Zeichnungen und einigen Gegenständen die Atmosphäre, in der die Zuwanderergeneration in den 1970er und 80er Jahren lebt und zunehmend in Bewegung gerät. Das vorrangige Interesse gilt dabei den kulturellen und politischen Milieus vor Ort. Wenn sich eine internationale Kulturkooperative oder eine „Badische Ausländer Plattform“ gründet, eine Straßen-Theater-Gruppe auf dem Rathausplatz das Leben der Gastarbeiter beschreibt, wöchentlich ein Kinogramm auf türkisch organisiert wird oder mit dem ersten Ausländerbeirat 1986 ein wesentlicher Schritt Richtung politischer Partizipation errungen wird, dann sind das Spuren einer Epoche, die als Migrationsgeschichte zur Identität der Stadt gehören.

Öffnungszeiten: Mo 18-1Uhr / Di-Fr, So 15-1Uhr / Sa 9-1 Uhr

Filmprogramm 9.12. bis 28.1.2012


Der erste Vertrag mit Italien wurde 1955 geschlossen, dieses Jahr feiert man das 50jährige Jubiläum des Deutsch-Türkischen Anwerbeabkommens. Obwohl die sogenannten „Gastarbeiter“ der ersten Generation die deutsche Gesellschaft nachhaltig veränderten, gerieten sie bis in die 90er Jahre hinein kaum in den Blick des Filmschaffens.

Unser Programm zeigt eine Auswahl überwiegend kaum zu sehender deutscher und internationaler Filme, die vielfältige Aspekte des lange Zeit nur sterotypisierend behandelten Daseins der Arbeitsmigranten thematisieren und diese auch selbst zu Wort kommen lassen. Freuen Sie sich auf filmische Entdeckungen!
Weitere Informationen: www.literaturbuero-freiburg.de

DEIN LAND IST MEIN LAND | ERÖFFNUNG AUSSTELLUNG & FILMPROGRAMM

Vernissage 9.12.12 19:30 Uhr Als sich in den 80er Jahren in der polynationalen »PoLiKunst«-Bewegung Schriftsteller zusammenschließen und offensiv ihre eigenen Worte für das Leben und Leiden im neuen Land (Buchtitel, 1980) prägen, bleibt Freiburg nicht ... mehr >>>

INVENTUR METZSTRASSE 11

Regie: Zelimir Zilnik | Deutschland 1975
Der Film zeigt die BewohnerInnen eines alten Mietshauses in München – überwiegend »Gastarbeiter« –, die, jeweils kurz innehaltend auf der Treppe ihres Hauses, sich und ihre Lebensumstände den Zuschauern vorstellen. Als ihre eigenen Darsteller und ... mehr >>>

APRILKINDER - NISAN ÇOCUKLARI

Regie: Yüksel Yavuz | Deutschland 1998
Sie nennen sich selbstironisch Aprilkinder – die Kinder kurdischer ImmigrantInnen, die ihr Dasein dem Heimaturlaub des Vaters während der Sommermonate verdanken. Der Alltag der in Hamburg lebenden Familie ist geprägt durch die Kluft zwischen zwei ... mehr >>>

ALAMANYA ALAMANYA - GERMANIA GERMANIA

Regie: Hans A. Guttner | Deutschland 1979
Hans Guttners Dokumentarfilm ist einer der frühesten Versuche, sich mit der Innensicht der in Deutschland lebenden ArbeitsmigrantInnen cinematographisch auseinanderzusetzen. Der Film kombiniert Bilder vom Alltag der ArbeitsmigrantInnen mit Texten der sog. ... mehr >>>

DEIN LAND IST MEIN LAND | LESUNG UND GESPRÄCH

Als Auftakt der Film „Alamanya Alamanya - Germania Germania“, Pause und Verkostung Lesung und Gespräch mit Franco Biondi, Gino Carmine Chiellino, Adel Karasholi und Dragutin Trumbetaš. Franco Biondi (1947) ist Lyriker, Romancier und Essayist ... mehr >>>

ALI IM PARADIES

Regie: Viola Shafik | D/Ägypten 2011
Rainer Werner Fassbinders ANGST ESSEN SEELE AUF aus dem Jahr 1973 wird heute als Klassiker des Antirassismus verstanden. Der Protagonist, ein arabischer Gastarbeiter, wurde von dem Marokkaner El Hedi Ben Salem M’barek Mohammed Mustafa, Fassbinders damaligem ... mehr >>>

ANGST ESSEN SEELE AUF

Regie: Rainer Werner Fassbinder | D 1973
In einer Gastarbeiterkneipe lernt die etwa 60-jährige Witwe Emmi (Brigitte Mira), die als Putzfrau arbeitet, den viel jüngeren Marokkaner Ali (El Hedi Ben Salem) kennen. Sie verlieben sich und heiraten. Für die Umwelt ist diese Eheschließung ein Skandal: ... mehr >>>

FAMILIE VILLANO KEHRT NICHT ZURÜCK

Regie: Hans Andreas Guttner | D 1981
FAMILIE VILLANO KEHRT NICHT ZURÜCK ist Teil einer fünfteiligen Filmreihe (EUROPA – EIN TRANSNATIONALER TRAUM) Hans Andreas Guttners, die dokumentiert, welche politischen, menschlichen und sozialen Folgewirkungen die Arbeitsimmigration der letzten ... mehr >>>

ALMANYA ACI VATAN - Deutschland, bittere Heimat

Regie: Şerif Gören | Türkei 1979
Mit der Arbeitsmigration nach Deutschland setzen sich türkische Filmemacher bereits seit den 70ern auseinander. Ein Höhepunkt dieser Auseinandersetzung ist der Film ALMANYA ACI VATAN (Deutschland, bittere Heimat; 1979) des Altmeisters Şerif Gören, in ... mehr >>>