kino avantgarde | Februar 2019

FORGETTING VIETNAM

Regie: Trinh T. Minh-ha
USA 2015 | OmeU | 91 Min.
Dất nứớc vạn xuân: das Land der zehntausend Quellen, so wurde Vietnam in alten Zeiten genannt. Es ist einer der Schöpfungsmythen Vietnams, der die Geschichte vom Kampf zweier Drachen erzählt, deren ineinander verschlungene Leiber ins Südchinesische Meer fielen und die S-förmig gebogene Küste Vietnams bildeten. Die Vorfahren der Menschen entstanden aus der Vereinigung eines Drachenkönigs und einer Fee. Diese Mythen dienen der renommierten und formal radikalen Filmemacherin, Komponistin und Schriftstellerin Trinh T. Minh-ha als Hintergrund für diesen ungewöhnlichen essayistischen Experimentalfilm. In einer der ergreifendsten Szenen konzentriert sich Trinh T. Minh-ha auf das Massaker von 1968 in Hue, ein Ereignis, bei dem möglicherweise zweitausend Zivilisten getötet wurden und das die vietnamesische Regierung weiterhin bestreitet. Es ist kein Wunder, dass „wandernde Seelen der nicht klassifizierten, entlassenen oder„ unreinen Toten “weiterhin das kollektive Gedächtnis Vietnams bevölkern“. [Minute 36:44 im Film]
Es gibt aber auch viele lyrische Szenen, insbesondere von Wasserläufen und üppigen Reisfeldern. Diese Aufnahmen, die 1995 in Hi-8-Video und 2012 in HD und SD aufgenommen wurden, entfalten sich räumlich als Dialog zwischen den beiden Elementen Land und Wasser, die der Bildung des Begriffs "Land“ (dat nuoc / ứớt nứớc, wörtlich: "Landmeer") zugrunde liegen. Der Soundtrack schließlich ist spektakulär und stiehlt den Bildern manchmal fast die Show. U.a. sind hier traditionelle vietnamesische Musik wie Quan Họ im Norden, Chèo und Balladen aus der Zeit vor 1975 zu hören, wobei Text, Ton und Bild von Trinh T. Minh-ha meisterhaft montiert wurden.