Balkan im Wandel - Kino aus Kroatien und Serbien | Februar 2018

DER GEIST VON MARSCHAL TITO

Marsal

Regie: Vinko Bresan
Kroatien 1999 | OmU | 95 Min.
Mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien ging eine Serie von Kriegen einher, denen tiefgreifende Umbrüche vorausgingen. Aus Anlaß der Premiere von DREI WINTER (Theater Freiburg, Großes Haus: 17.2.) der in London lebenden Kroatin TENA STIVICIC begleitet das Kommunale Kino die vier Generationen umfassende Familiensaga mit einem Filmprogramm. Spiel- und Dokumentarfilme nehmen in den kommenden drei Monaten Bezug auf die historischen Umwälzungen der vergangenen 60 Jahre im südosten Europas.

Der Geist von Marschall Tito
"Ein Gespenst geht um, auf einer Insel vor der kroatischen Küste. Ein Ein-Mann-Gespenst, der Kommunismus nicht gerade, aber immerhin sieht es aus wie der Marschall Tito, der den Sozialismus brachte in ein Land, das Jugoslawien hieß. Achtzehn Jahre nach des Marschalls Tod und auch schon einige nach dem Krieg, der Kroatien die Marktwirtschaft und die Unabhängigkeit brachte, liegt das hübsche Adriastädtchen fast verlassen da. Die Jugend ist abgehauen, die Touristen bleiben aus. Die männliche Restbevölkerung hängt in der Kneipe herum, deren Wirt zugleich Bürgermeister ist und ein Privatisierungs-Profiteur, der sein Geschäft günstig um ein Hotel erweitern will. Triste Welt. Irgendwie verständlich, dass die alten Herren dem Glanz vergangener Tage nachtrauern, als hehre Parolen dem Leben noch Mehrwert gaben. Diesen Nostalgikern kommt Titos Geist gerade recht. Denn das Gerücht von dessen Erscheinung macht unter Gleichgesinnten im Land schnell die Runde. Bald drängeln sich auf dem Marktplatz die Revolutions-Rentner, aber auch Neu-Unternehmer Luka wittert Morgenluft. Gemeinsam holt man die verstaubten Reliquien aus dem Museum. Paraden werden inszeniert, Gruppenreisen zu Solidaritätspreisen angeboten. Regisseur Vinko Bresan inszeniert seine postsozialistische Satire mit griffigen Bildern und Wiedererkennungs-Effekten. 1996 schon hatte der junge kroatische Regisseur mit der liebenswürdigen Komödie "Wie der Krieg auf meine Insel kam" in seinem Heimatland die großen US-Produktionen im Kino ökonomisch besiegt. In Kroatien mag das gemeinsame Ablachen über die Ewiggestrigen der Identitätsfindung einer jungen Generation dienen. Für uns verweist diese Erfolgskomödie vor allem auf den Seelenzustand einer gar nicht so weit entfernten Welt." (Der Tagesspiegel v. 22.5.2001)