WELTENSAMMLERINNEN | Mai 2017

Wie die Regisseurinnen unseres Schwerpunktprogramms sind auch ihre Protagonistinnen in der einen oder anderen Weise Grenzgängerinnen. Sie überschreiten freiwillig und manchmal auch unfreiwillig Kulturgrenzen. Dabei stoßen sie an physische oder psychische Grenzen, so wie in HAUNTED und TOZ BEZI. Beide Filme zeigen eindringlich die Haltlosigkeit eines Lebens im eigenen Land. In dem syrischen Dokumentarfilm HAUNTED geht es um die Frage ‚gehen oder bleiben?‘ im Krieg. Gehen aber wohin? Eine existentielle Frage, die die SyrerInnen umtreibt, ja bis zur Verzweiflung bringt. Eine Frau sagt: Es ist nicht leicht, alles hinter sich zu lassen und eine Feder im Wind zu werden. HAUNTED ist der erste Film von Liwaa Yazji, einer gebürtigen Moskauerin, die in Damaskus studierte und jetzt in Berlin lebt. Von anderen Nöten und Sorgen erzählt der zugleich engagierte und einfühlsame Spielfilm TOZ BEZI (Staubtuch). Er begleitet zwei kurdische Frauen, die sich in Istanbul mit Putzstellen bei wohlhabenden Mittelschichtskundinnen über Wasser halten. Die Parallelwelten und die zahllosen Zwischentöne einer inneren Migration spiegeln eindringlich die tiefen Verwerfungen innerhalb der türkischen Gesellschaft. TOZ BEZI ist der erste Langfilm der kurdischen Regisseurin Ahu Öztürk, die u.a. beim Internationalen Filmfestival in Istanbul 2016 den Hauptpreis für den besten türkischen Film und das beste Drehbuch ausgezeichnet wurde.
In dem Dokumentarfilm «Ken Bugul. Personne n’en veut»/«Ken Bugul. Niemand will sie» zeichnet die schweizer Filmemacherin Silvia Voser das bewegende Portrait von Mariètou Mbaye Biléoma alias „Ken Bugul“ (die Unerwünschte), einer der herausragenden Schriftstellerinnen Westafrikas. Ihr Leben ist geprägt von Erfahrungen der Migration sowohl zwischen Senegal und Europa als auch innerhalb Afrikas. Darüber hinaus stellt uns Silvia Voser, die seit Jahrzehnten im Senegal arbeitet, ihren neuesten Dokumentarfilm über die Jugendbewegung „Y’en a marre“ vor.
Zum Abschluss zeigen wir den wegweisenden Filmessay D'est, in dem sich die belgische Filmemacherin Chantal Akerman auf eine klassische Reise begibt. Eine Reise von Ostdeutschland nach Russland, die im Sommer beginnt und im tiefsten Winter endet. Ohne Kommentar und Erklärungen, mit einem Strom an Bildern von Landschaften, Menschen und Gesichtern, ist der Film eine eindrückliche Annäherung an den kulturell „Anderen“ und eine philosophische Reflexion über Zeitlichkeit und Ortlosigkeit. „Seit zwanzig Jahren wollte ich einen Film über Osteuropa machen", sagt sie, „Meine Eltern stammen aus dem Osten. Aber das erklärt zu wenig... Ich bin schon einmal dort gewesen. Das war vor dem Fall der Mauer, zur Zeit von Gorbatschow. Ich war bewegt. Ich hätte nicht sagen können, weshalb ich damals so bewegt war. Wahrscheinlich Kindheitserinnerungen. Ihre Kleidung, die Nahrungsmittel. Seltsamerweise fühlte ich mich nah. Nah, bewegt und traurig." (Chantal Akerman)

FOTO-AUSSTELLUNG: "EIN BLICK AM RAND" VON ASOO KHANMOHAMMADI

Asoo Khanmohammadi erhielt in Teheran einen BA in Fotografie und studiert zurzeit an der Universität für angewandte Kunst in Wien. In ihren Foto-Serien richtet sie ihren Blick auf Genderfragen und auf die Ränder der Gesellschaft – auf Tabuzonen, ... mehr >>>

KEN BUGUL – PERSONNE N’EN VEUT

Regie: Silvia Voser | Senegal 2015
Die in der Schweiz geborene Silvia Voser verwirklicht seit Jahren Filmprojekte in Senegal. Neben ihrem Kurzportrait des legendären Filmemachers Djibril Diop Mambéty und ihren aktuellsten Kurzfilm über die senegalische Jugendbewegung zeichnet sie im ... mehr >>>

TOZ BEZI

Regie: Ahu Öztürk | Türkei / Deutschland 2015
Nesrin und Hatun sind Putzfrauen in Istanbul. Sie sind Nachbarinnen, Freundinnen und Kurdinnen. Nesrin hat ihren Mann vor die Tür gesetzt. Eigentlich sollte es nur ein Warnschuss sein, aber jetzt kommt er nicht wieder und Nesrin und ihre kleine Tochter Asmin ... mehr >>>