MITTWOCHSKINO

WINTERSCHLAF ( Kış Uyksu)

Nuri Bilge Ceylan

Reihe: MITTWOCHSKINO
| Buch: Ebru Ceylan und Nuri Bilge Ceylan | mit: Haluk Bilginer, Melisa Sözen, Demet Akbag |
Türkei 2014 | OmU | 196 Min.
Mit «Once Upon a Time in Anatolia» gewann der türkische Meisterregisseur Nuri Bilge Ceylan 2011 in Cannes den Grossen Preis der Jury, mit
WINTER SLEEP die Goldene Palme 2014. Kein Wunder: WINTER SLEEP ist ein atemberaubend dichtes, wunderschön fotografiertes Dialogstück, in dem jedoch auch die grandiose anatolische Berglandschaft eine zentrale Rolle spielt. Hauptschauplatz des Filmes ist ein ins weiche Gebirge
gegrabenes Hotel, das von einem alternden Schauspieler und seiner schönen jungen Frau betrieben wird, Dauergast ist die frisch geschiedene Schwester des Schauspielers. Während der anbrechende Winter die regulären Gäste allmählich vertreibt und nur vereinzelte Besucher oder Bittsteller noch ein Stück Aussenwelt in die Wohn- und Rückzugshöhle des verwaisten Hotels tragen, kommt es unter den Verbliebenen an langen Abenden zu Gesprächen und Konfrontationen. Deren Abgründigkeit sucht ihresgleichen: Schritt für Schritt wird da der wohlhabende Protagonist und Pascha in seiner ganzen Selbstgefälligkeit durchleuchtet und demontiert. Anton Tschechow stand Nuri Bilge Ceylan und seiner Frau erklärtermassen Pate beim Schreiben des Drehbuchs zu WINTER SLEEP. Wie beim grossen russischen Autor kommen Charakter- und Gesellschaftsstudie mit stupender Eleganz zusammen. Ein Must-
see für die langen Abende des Winters.
"Die Zeit scheint stillzustehen in Ceylans langen, warm ausgeleuchteten Einstellungen. Oftmals wirken die Szenen wie Gerichtsverhandlungen, in denen Menschen in aller Ruhe einander den Prozess machen. Gnade gibt es nicht. Auch keine Vergebung oder Versöhnung. Was bleibt, ist ein umfassendes Gefühl der Erstarrung. Und je länger und unverblümter Ceylans Figuren in zugigen Zimmern vor knisternden Feuern miteinander sprechen, desto unmöglicher scheint die Verständigung zwischen den Geschlechtern, Generationen, Schichten. Beweglich, nachgerade lebendig scheinen nur die draußen tanzenden Schneeflocken zu sein. WINTERSCHLAF entstand natürlich lange vor den Ereignissen in Istanbuls Gezi-Park. Aber der Film wirkt wie ein tiefenpsychologisches Panorama der Stagnation und Sprachlosigkeit, die sich in den vergangenen Monaten als Protest und Aggression entluden." (Katja Nicodemus, DIE ZEIT)