JIA ZHANG-KE

XIAO WU

Reihe: JIA ZHANG-KE
Regie: Jia Zhang-ke
China 1997 | OmU | 107 Min.
Als Straßenkinder haben sich Xiao Wu und Xiao Yong Blutsbrüderschaft geschworen. Jahre später schlägt sich der schmächtige Xiao Wu noch immer als Taschendieb durch, während Xiao Yong vom Zigarettenschmuggler zum Zigarettenhändler aufgestiegen ist. In Fenyang, einer kleinen Stadt in China, die von der Bedeutungslosigkeit der Provinz ausgedörrt wird wie ein Wasserloch von der Wüste, gilt die Hochzeit des Aufsteigers als Ereignis. Xiao Wu ist nicht eingeladen. Seine Vorwürfe wischt der vergessliche Freund zur Seite. Die Bekanntschaft mit einem Dieb ist im China eines zögerlich legalisierten Handels nicht mehr dienlich. In der Stadt künden Plakate vom Wertewandel: Wer Privateigentum nicht achtet, soll strenger bestraft werden. Für den Bauernsohn Xiao Wu, der die soziale Kontrolle des Dorflebens als Enteignung der Seele begreift, wird die Strafe darin liegen, öffentlich als Dieb ausgestellt zu werden. Xiao Wu ist ein Unzeitgemäßer, ein Übriggebliebener wie jener Müßiggänger aus Fellinis Vitelloni.
Der mit Laiendarstellern in seiner Heimat gedrehte Film machte Jia Zhang-ke über Nacht zum Zugpferd der unabhängigen Regisseure Chinas. Ein bewegender Film, der seinerseits vom Forum der Berlinale entdeckt wurde und dort ungeheure Wirkung zeigte.
Jia Zhang-ke: »In diesem Film geht es um unsere Ängste und unsere Unruhe. Wertvolles verschwindet aus unserem Leben. Wir müssen in einer nicht-funktionierenden Gesellschaft zurechtkommen und flüchten uns in die Einsamkeit, die nicht mehr als ein Ersatz für die Würde ist. Und es geht um Gefühle, nicht um ihre Zerstörung, sondern um den Verlust der Strukturen, in denen Gefühle möglich sind. Die Leute sind Gefangene der Straße, eingefangen in Chaos, Geschrei und kurzlebigen Beziehungen. Sie rennen sinnlos umher, ergötzen sich an Perversitäten, singen laute, knallige Lieder unter dem alten Pavillon. Und schließlich geht es meinem Film um meine Heimatstadt und das gegenwärtige China, um die Ungleichheit, die zwischen der Oberfläche des Lebens und dem Innenleben der Menschen, ihren Hoffnungen und Wünschen existiert.«