Mittwochskino

HÉLIO OITICICA

Reihe: Mittwochskino
Regie: Cesar Oiticica Filho | mit: mit Zé Celso Martinez Corrèa, Acauã Sol, Ana Guilhermina
Brasilien 2012 | OmU | 94 Min.
Caligari und FIPRESCI-Preisträger auf der Berlinale 2013!

Hélio Oiticica (1937-1980) ist einer der bedeutendsten brasilianischen Künstler des 20. Jahrhunderts. In seinem Found-Footage-Dokumentarfilm verzichtet – der Filmemacher und Neffe des Künstlers – Cesar Oiticica Filho auf Kommentar und Interviews und lässt stattdessen in Film- und Tonarchivaufnahmen seinen Onkel selbst zu Wort kommen. Aus den Zeugnissen des Künstlers erfahren wir so etwas über Oiticicas künstlerische Entwicklung und seine umfassenden politischen und ästhetischen Interessen: über seine modernistischen Gemälde und Skulpturen der 1960er Jahre, die Quasi-cinemas und Dia-Environments der 1970er Jahre, über die Favelas und das urbane Leben von Rio, New York und London, über Samba-Schulen und die Tropicália-Bewegung, die von Oiticica losgetreten wurde, heute aber vorwiegend mit Musikern wie Caetano Veloso und Gilberto Gil in Verbindung gebracht wird. Die rhythmisch montierten Bilder illustrieren die Erzählungen des Künstlers nicht einfach nur, sondern stellen sie in neue Zusammenhänge und gehen weit über sie hinaus. Entstanden ist so das gewagte und komplexe Porträt eines Künstlers, bei dem Arbeit und Leben einander bedingen und verwandeln.

Die Juoren des Caligari-Preises waren Esther Buss (FILM-DIENST), Jutta Beyrich (Filmkuratorin, Wiesbaden) und Lena Martin (Filmkreis Darmstadt). Ihre Begründung lautet:

"Ganz im Sinne Jack Smiths muss man "Hélio Oiticica" einen flammenden Film nennen. Die Found-Footage-Montage von Cesar Oiticica Filho, Neffe des brasilianischen Künstlers Hélio Oiticica, ist eine rauschhafte Erzählung aus Bildern, Bewegungen und Texturen, aus Farben, Rhythmen und Tönen, die Oiticicas Grenzgängertum – zwischen Kunst und Film, zwischen Malerei, Skulptur und körperlicher Erfahrung – zu ihrem zentralen Gestaltungsprinzip macht. Unterschiedliche, teils heterogene Medien und Materialien treffen aufeinander und werden organisch miteinander verwoben, von Film- und Tonarchivaufnahmen über Fotografien bis hin zu Skizzen und Zeichnungen, vom groben Korn des Filmbildes mit seinen Kratzern und seinem wilden Geflackere bis hin zu den glatten Oberflächen digitaler Bildmedien. "Hélio Oiticica" ist ein musikalischer Film und nicht nur, weil in ihm wunderschöne Musik zu hören ist: er ist bestimmt von Rhythmen und Tempowechseln, mal fließt er dahin, dann wieder produziert er einen kaum zu bändigenden Überschuss; so werden rasante Schnittfrequenzen aus Standbildern mit fluiden Kamerafahrten durch Räume und Installationen des Künstlers abgewechselt. Der schillernde Erzähler des Films ist dabei Hélio Oiticica selbst. Ebenso wie der Künstler die Malerei in den Raum erweiterte und Körper in Skulpturen verwandelte, geht auch seine Erzählung über die Grenzen einer Künstlerbiographie weit hinaus. Die Slums von Rio de Janeiro, die Tropicália-Bewegung als Gegenentwurf zur repressiven Politik der Militärdiktatur, künstlerische Produktivität in London und die Kunst des Müßiggangs in New York: Oiticica streift das urbane Leben ebenso wie die brasilianische Musik- und Filmszene und den New Yorker Underground. Und er berichtet mitunter geradezu entfesselt von seinen vielfältigen Interessen, Einflüssen und Begegnungen, von der Schönheit und Gefahr der Straße – eine "sexuelle Initiation" – , von Samba, Kokain, Jimi Hendrix’ intensiver Beziehung zu seiner E-Gitarre, von Karnevalsumzügen, den labyrinthischen Architekturen der Favelas, dem Navigationssinn der Ameisen. „Hélio Oiticica“ ist anti-akademische (Kunst)geschichtsschreibung und eine Absage an freudlose kuratorische Verwaltungsarbeit. Seiner kreativen Praxis gab der Künstler zuletzt den Namen "Delirium Ambulatório". Was immer das bedeuten mag: "Hélio Oiticica" ist eine Einladung, sich davon infizieren zu lassen."