Wiederaufführung

DIE ROTEN DRACHEN UND DAS DACH DER WELT

Reihe: Wiederaufführung
Regie: Marco Keller
D 2007 | 75 Min.
"DIE ROTEN DRACHEN UND DAS DACH DER WELT"
Regie und Kamera: Marco Keller,
Drehbuch und Fotografie: Ronny Pfreundschuh, D 2007, 75 Min.

Leuchtend goldene Dächer. Über der Altstadt von Lhasa geht die Sonne auf und hüllt den Potala Palast in zartes Licht. Unzählige Tibeter kommen von überall her um die heiligen Tempelanlagen zu besuchen. Sie werfen sich nieder und drehen ihre Gebetsmühlen. Mitten im Pilgerstrom sitzt ein Mönch in weinroter Robe und rezitiert heilige Schriften. Es sind die Klischees vom "Dach der Welt", zu denen natürlich auch majestätische Schneeberge gehören und ein kleiner Junge in gelbem Gewand, der als wichtige Wiedergeburt entdeckt wurde, dazu Nomaden die wie eh und je ihren Herden hinterher ziehen.
All diese Bilder zeigt der Dokumentarfilm "Die roten Drachen und das Dach der Welt" auch. Er bettet sie ein, zeigt sie als das, was sie
sind: Facetten aus dem tibetischen Alltag. Und der ist weit weniger bunt und erhebend als die mystifizierenden Vorstellungen des Westens von friedliebenden buddhistischen Mönchen und Pilgern in farbenfrohen Trachten, die sich lächelnd, betend und meditierend unter chinesischer Besatzung behaupten.

Drei Monate lang waren die Filmemacher im Herbst 2004 in Tibet unterwegs, begleitet von einer Freiburger Ethnologiestudentin und zwei jungen Schweden, die sich mit ihnen auf den Weg machten, Tibet zu erfahren. Bilder von verfallenen Klöstern, alltägliche Szenen von Arbeit und Spiritualität, Essen und Wohnen, eine Natur zwischen gnadenlosen Steinwüsten und glitzerndem Wasser vor grandiosen weißen Gebirgsketten. Menschen erzählen von Zwangssterilisation und systematischer Ausrottung der tibetischen Sprache.
Diese Interviews, mit der Videokamera aufgenommen teils unter großen Vorsichtsmaßnahmen, machen den Film so eindringlich. Ein ruhiger, klug geschnittener Film, der Emotionen weckt, sie aber nicht schürt und auch Chinesen zu Wort kommen lässt.
Das Roadmovie im klapprigen Geländewagen führt von Nord nach Süd, von Golmud in der chinesischen Provinz Qinghai hinein ins so genannte Autonome Gebiet Tibet mit der Hauptstadt Lhasa und über den Himalaya nach Nepal. "Wir kamen wie die Chinesen und gingen wie die Flüchtlinge", sagt Marco Keller. Das Thema wird augenfällig in der damals im Bau befindlichen Bahnlinie von Golmud nach Lhasa, auf der inzwischen auch deutsche Touristen reisen: China überrollt Tibet.
Vor allem Lhasa. Nur ein winziger Teil der Hauptstadt ist heute überhaupt noch rein tibetisch geprägt, der Rest sieht aus wie chinesische Städte auch, mit Shoping Malls, Prachtstraßen, Plätzen.

(Redaktioneller Hinweis: Der obige Text ist eine gekürzte Version des Artikels von Gabriele Schoder, Badische Zeitung vom 26.07.2007)

Wilfried Pfeffer, Renate Tritschler, Marco Keller und Ronny Pfreundschuh werden im Anschluss an den Film über das Projekt sprechen und Fragen beantworten.