Werkschau Olivier Assayas

LES DÉSTINÉES SENTIMENTALES

Reihe: Werkschau Olivier Assayas
Regie: Olivier Assayas
Frankreich/Schweiz 2000 | OmeU | 180 Min.
Ein Historienfilm in CinemaScope, der von 1900 bis Mitte der 1930er Jahre angesiedelt ist: Pauline ist 20, als sie Jean das erste Mal bei einer Tanzveranstaltung in Barbazac trifft. Jean ist Familienvater und protestantischer Pfarrer, seine Ehe mit Nathalie gerade gescheitert. Den Zwängen der protestantischen Gesellschaft um die Jahrhundertwende zum Trotz fühlen sich Pauline und Jean durch ein unsichtbares Band der Liebe verbunden. Vor der Kulisse einer Welt im Umbruch, unter den tragischen Eindrücken des Ersten Weltkriegs, wo alte Gewissheiten und Industriedynastien in sich zusammenfallen, ist die Liebe zwischen Pauline und Jean stärker als alles andere.
»Olivier Assayas’ dreistündige Chronik einer Töpferfamilie erzählt seinem Titel ganz entgegengesetzt höchst unsentimental die Geschichte einer Liebe, einer Epoche, eines zerrinnenden Traums. Der mutigste Kostümfilm seit BARRY LYNDON.« Christoph Huber

Mit der historischen Erzählung Les destinées sentimentales hat der französische Autorenfilmer und ehemalige Cahiers du Cinéma-Autor Olivier Assayas (Irma Vep, Fin août, début septembre) persönlich Neuland betreten: zum ersten Mal wandte er sich vom heutigen Paris als Schauplatz ab, schrieb ein Drehbuch nach fremder Vorlage (dem gleichnamigen Roman von Jacques Chardonne) und drehte in Cinemascope. Dennoch geht es ihm auch hier weniger um die historischen Ereignisse in der Zeitspanne von 1900 bis in die Dreißiger Jahre, sondern um emotionale Konflikte, um die Kluft zwischen gesellschaftlichen Ansprüchen und persönlichen Wünschen, zwischen dem Potential, das in einzelnen Momenten des Glücks liegt und dem Kompromiss, zu dem die Dauer jedes Ideal, jeden Anspruch auf Absolutheit zerdehnt. Wie der Titel schon andeutet: es handelt sich um eine “empfindsame” Langzeitbeobachtung. Die erzählte Zeitspanne umfaßt jene drei Jahrzehnte, die der Liebe der Protagonisten, dem Pastoren und späteren Erben einer Porzellandynastie, Jean und Pauline, beigemessen ist. Die Großaufnahme von Béarts Gesicht ist dabei der Kristallisationspunkt, zu dem der Film immer wieder zurückkehrt. Die Züge bleiben die gleichen: die fein geschwungenen Brauen und die aufgeworfenen Lippen. Gemeinsam mit dem Wechsel der Zustände, für die sie stehen, sind sie Ausdruck der Dauer. “Assayas gönnt sich keine Sentimentalität, und er versucht entschieden nicht, die an großen Melodramen überreiche Kinogeschichte bilderstürmerisch zu übertreffen, im Gegenteil – sein Film ist eine Übung in Demut, in formaler Zurückhaltung, eine Reifeprüfung, wenn man will: Charles Berning, Isabelle Huppert und Emmanuelle Béart brillieren im Rückzug ins Introvertierte.” (Stefan Grissemann) [Maya McKechneay]