Kommunales Kino im alten Wiehrebahnhof
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"Wir werden wie Detektive arbeiten müssen"

Die FührerEin Vierteljahrhundert Kommunales Kino in Freiburg: Im Rahmen eines Festprogramms gibt es am Wochenende im Alten Wiehrebahnhof eine große Filmsonderschau zu sehen, über einen Tag und eine Nacht hinweg, genau 25 Stunden lang. Wie ab er soll es weitergehen nach dem Fest? Kann das Kino für Cineasten in der Stadt bestehen, in der das kommerzielle Kino zur Offensive bläst wie nie? Oder braucht Freiburg umgekehrt gerade sein gemeinnütziges Kommunales Kino, das Dokumentarfilme, Länderreihen, Originalversionen, Retrospektiven, Werkschauen zur festen Kulturadresse gemacht haben, als Gegengewicht zum Mainstream der Multiplexe? Fragen an den Geschäftsführer Reiner Hoff.

 

Das Kommunale Kino Freiburg feiert sein rundes Jubiläum - und fast auf den Tag genau öffnet das erste von zwei neuen Mammut-Kinos in Freiburg seine Pforten. Wird durch die enorme Konkurrenz Ihr 25. Jahr vielleicht zugleich Ihr letztes sein?

REINER HOFF: Mit Sicherheit nicht. Außerdem glaube ich, daß durch dieses zufällige Aufeinandertreffen der beiden Ereignisse zum ersten Mal das Cinemaxx und das Kommunale Kino in der Öffentlichkeit überhaupt in einem Atemzug genannt werden. Zwar war im Hinblick auf die Umwälzung in der Kinolandschaft oft die Rede davon, daß es eng wird auf dem Markt. Markt heißt aber: im gewerblichen Bereich. Hier kann es unter den kommerziellen Kinobetreibern zum Konkurrenzkampf kommen. Aber das Kommunale Kino ist aus dieser ganzen Diskussion herausgehalten worden. Vor allem wohl, weil es etwas ganz anderes ist, nämlich die Kultureinrichtung, die eher zu vergleichen ist mit Galerien, Museen, mit Schauspiel, Theater; mit diskussionswürdiger Kultur und nicht mit Markt, mit Gewerblichkeit.

 

Immerhin wird es in Freiburg dann rund 35 Lichtspielsäle geben - wird da ein zusätzliches Kommunales Kino nicht doch überflüssig?

HOFF: Natürlich geht diese Entwicklung nicht völlig an uns vorbei. Wir denken, zunächst werden die Leute neugierig sein, sich diese Kinopaläste angucken, dann aber sehr bald merken, daß das eine völlig andere Art von Lichtspiel, von Kino ist. Die Wirkungen, die wir befürchten, sind indirekter und längerfristiger Art. Durch diese Cinemaxxe - das hat sich auch in anderen Städten bisher erwiesen - richten sich die Verleiher auf Erstaufführungen aus, die dann mit möglichst vielen Kopien starten. Das wiederum hat zur Folge, daß sie ihre Filmsammlungen nicht mehr pflegen, zumal die großen amerikanischen Konzerne. Da wird es für uns auch schwieriger, an ältere Filme zu kommen, die etwas mit Filmgeschichte - unserem Metier - zu tun haben. Da wird unsere Arbeit mehr denn je zur Detektivarbeit werden. Es gibt jetzt schon keine Hitchcock-Filme mehr; einen Truffaut kann man nur noch in drei, vier Beispielen finden, von Louis Malle gibt es vielleicht noch zwei Filme. Diese Entwicklung wird sich durch die Cinemaxxe verschärfen: da setzt unsere Arbeit an.

 

Aber es ist doch auch zu erwarten, daß die von den Großkinos bedrängten kleineren Lichtspieltheater sich verstärkt dem Kunstfilm zuwenden und so in Ihre Domäne einbrechen.

HOFF: Es gibt natürlich Grenzbereiche, gewisse Überschneidungen. So haben auch wir Erstaufführungen, zum Beispiel unseren "Film des Monats", und da geschieht es manchmal, daß ein kleineres kommerzielles Kino diesen Film ebenfalls im Auge hat. Das wird sich natürlich verstärken. An bestimmte neuere Filme werden wir schwerer herankommen. Aber daß heißt nicht, daß wir dann in Verlegenheit geraten: Es gibt so viele wirtschaftlich uninteressante Bereiche, die in langer Zukunft, glaube ich, nicht vom gewerblichen Kino übernommen werden. Zum Beispiel der Dokumentarfilm, der Experimentalfilm, Filme aus Asien, Afrika, Lateinamerika. Da müssen wir uns verstärkt in den uns näher liegenden Bereichen orientieren. Noch besser werden in der Präsentation von Zusammenhängen und in der Aufarbeitung völlig vernachlässigter Gebiete. Schließlich sind wir da auch nicht auf eine völlige Amortisation unseres Programms angewiesen.

 

Besteht dann aber nicht die Gefahr, in eine Minderheitenecke zu rutschen, aus der heraus sich das Verlangen nach öffentlichen Zuschüssen in Zeiten knappen Geldes nur schwer rechtfertigen läßt?

HOFF: Das ist natürlich auch eine Aufgabe von Kulturpolitikern, immer wieder klarzumachen, daß es im kulturellen Leben einer Stadt Bereiche gibt, die einfach ohne städtischen Subventionen nicht überleben können. Zwar wird es derzeit auf diesem Sektor des Kulturbetriebs wohl nur eine Bestandssicherung geben können - dafür aber müssen wir kämpfen. Überdies: Auch wenn wir nicht gewerblich arbeiten, auch wenn wir subventioniert und als gemeinnützig anerkannt sind, sind wir dennoch eine Wirtschaftseinrichtung. Das heißt, wir müssen mit dem Geld, das wir haben, ganz knapp, ganz hart wirtschaften. Schließlich müssen wir zwei Drittel unseres Haushaltes aus eigenen Kräften bestreiten

 

Darin also berühren Sie sich mit den kommerziellen Kinos?

HOFF: Gewerbliche Kinos und Kommunale Kinos arbeiten zwar nach völlig unterschiedlichen inhaltlichen und wirtschaftlichen Gesichtspunkten, sind aber trotzdem im ständigen Wechselspiel. Ein gern bemühtes Zitat von Herrn Flebbe, der jetzt hier in Freiburg sein Multipexx eröffnet, ist doch, daß Multiplexxe Kino fürs Kino machen und die Kommunalen Kinos Publikum fürs Kino. Ein Beispiel aus jüngster Zeit: Bevor Romuald Karmarkar mit seinem "Totmacher" bekannt wurde und damit in die gewerblichen Kinos kam, hat er im Grunde vorher nur die Kommunalen Kinos als Abspielstätten gehabt.

 

Wenn alle Welt ins Cinemaxx strömt - wer geht ins Kommunale Kino?

HOFF: Ich glaube, vierzig Prozent der Kinogänger sind in den letzten Jahren so im Alter zwischen 19 und 30 Jahren. Unser Durchschnitt liegt wesentlich höher. Zu uns kommt zunächst einmal ein älteres Publikum. Wir haben auch ein überregionales Publikum. zu unseren größeren Veranstaltungen kommen durchaus aus ganz Südbaden Leute. Wir haben ein sehr gut gepflegtes Kinderkino, haben eine große Zuschauerschaft zwischen fünf und zwölf Jahren. Eine große Lücke liegt bei uns zugegebenermaßen so zwischen zwölf und 20, 22 Jahren.

 

Von denen vermuten Sie, daß die im Cinemaxx sind?

HOFF: Das ist ein Publikum, das sich wohl sehr gerne Mainstream - Filme anguckt. Das, worüber man gerade redet, was gerade "in" ist, was man gesehen haben muß.

 

Wie viele Zuschauer haben Sie denn im Jahr?

HOFF: Seit 16 Jahren hält sich die Zahl konstant über 40000, manchmal 45000, manchmal 43000 im Jahr. Wir haben im Jahr etwa 350 Programme, also Langfilme und auch Kurzfilmprogramme in ungefähr 800 Vorstellungen. Und wir haben auch nach wie vor große kompakte Ereignisse, die dann oft auch an bestimmte Zielgruppen sich richten. Wir sehen uns auch als übergreifende Organisationsplattform für ganz viele Veranstalter. Wir haben im Jahr mehr als 30 Kooperationen in Einzelveranstaltungen, ganze Reihen mit Gruppen wie Aktion Dritte Welt, Institut francais, mit Amnesty International, dem italienischen Kulturverein, dem Arbeitskreis Alternative Kultur oder dem Kulturamt der Stadt Freiburg. Wir sehen uns dabei nicht als bloßer Dienstleister, sondern als Ansprechpartner für gesellschaftlich, politisch, kulturell wichtige Themen, die wir filmisch noch einmal aufarbeiten, wie andere Gruppen halt Vorträge oder Theater machen.

 

Sie haben die bildende Aufgabe eines Kommunalen Kinos betont - ist aber in der heutigen Zeit das Publikum nicht unterhaltungsorientierter geworden?

HOFF: In den Anfängen war kommunale Filmarbeit wahrscheinlich wirklich zu pädagogisierend, wurde zwanghaft zu jeder Veranstaltung eine Diskussion angeboten. Das können wir heute nicht mehr bringen. Heute findet ein Gespräch dann statt, wenn wir einen kompetenten Gast hier haben. Wir haben auch gemerkt, daß solche Diskussionsveranstaltungen am Wochenende nicht mehr angenommen werden. Das riecht ein bißchen nach Arbeit. Wir haben nun Diskussionsveranstaltungen vor allem unter der Woche. Vertiefung ja, aber Überfrachtung mit Bildung, Erziehung, Pädagogisierung: Nein, da machen wir Kino für den Bauch und nicht für den Kopf. Und sind dabei in vielen Bereichen doch Wegbereiter. Zum Beispiel beim Stummfilm mit Musikbegleitung: Die Kommunalen Kinos haben diese Darbietungsform wieder hoffähig gemacht. Die Kommunalen Kinos haben gezeigt, daß dafür ein Bedarf da ist, sogar auf einem Feld, das sich amortisieren läßt durchs Publikum. Und das ist schließlich unsere Aufgabe: Wegbereiter zu sein. Zweifellos eine Arbeit, die in Zukunft arbeitsintensiver; kostenträchtiger und schwerer werden wird.

Das Gespräch führte Wolf D. Grosse (Badische Zeitung 22.10.1997)

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Zuletzt bearbeitet am 05.12.1997 © aptum 1997 Schreib mal wieder webmaster@aptum.de