Kommunales Kino im alten Wiehrebahnhof
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Kino jenseits des großen Bahnhofs

Alter Wiehrebahnhof vor 1934Was unterscheidet das Kommunale Kino Freiburg e. V. von anderen Kinos? Was läßt sich mit dem Slogan, "Andere Filme anders zeigen", konkret verbinden? Das Kommunale Kino feiert am 25./26. Oktober das 25jährige Gründungsjubiläum, ausgerechnet in dem Jahr, wo im Freiburger Zentrum zwei Großkinos entstehen, von denen mit Sicherheit nur eines überleben wird. Die Frage nach der Andersartigkeit Kommunaler Kinos im Gegensatz zu Großkinos, die für sich die Bedienung der Bedürfnissen des Publikums in Anspruch nehmen, ist also berechtigt. Zuschußobjekte sind beide, wie man inzwischen weiß. Der Markt ist gesättigt. Es geht also um inhaltliche Unterschiede.

Das Andere beim Kommunalen Kino erklärt sich zunächst aus den spezifischen Bedingungen seiner Entstehung. Es ist ein Kind der 68er und der Wendezeit. Geboren wurde es 1972 im Jahr des Regierungswechsels, als Willy Brandt Kanzler wurde. Die Gründungsveranstaltung fand am Montag, 23. November, in der Feierling Gaststätte auf der Insel statt. Entstanden war der Verein aus dem Arbeitskreis für Soziales der Freiburger Jungsozialisten. Man hatte sich zunächst erfolglos in behutsamer Agitation der Arbeiterklasse versucht. Die Verlagerung auf kulturelle Arbeit führte zum Umbenennen in "AK Kultur". Er war die Keimzelle der "Arbeitsgemeinschaft (AG) Kommunales Kino." Die politische Erziehungsabsicht wich einem kritischen Kulturverständnis. Der Wille zu konkreter Arbeit führte zur Einrichtung einer ständigen "Abspielstätte". "Von der Wählerinitiative zur Kino-Initiative", formulierte diesen Prozeß Oskar Noll, Dokumentarfilmer, in seinen Erinnerungen zum 20jährigen Bestehen des Kommunalen Kinos.

hspace=5 vspace=5 align=Die erste reguläre Filmvorführung fand am 8. Januar 1973 in der Gewerbeschule II am Friedrichsring statt. Erst neun Jahre später fand man zusammen mit der Freien Künstler Gruppe "fkf" Platz im "Alten Wiehre-Bahnhof". Von Anfang an hatte der Verein den Anspruch, einen Platz für "besondere Filme" anzubieten. Das laufende Programm wurde unter ästhetischen Kriterien zusammengestellt. Man bot und bietet Filme an, "die sich von klischeehaft, konventionellen Seh- und Erzählweisen lösen", wie es eine Freiburger Lokalzeitung formulierte, Reihen, die Filmgeschichte anschaulich machen, Diskussionen mit Regisseuren und Schauspielern, die ermöglichen, Einblick in das Medium zu bekommen oder seine Gesetzmäßigkeiten zu entdecken. Aus diesem Anspruch wurde ein Programm, das diese Namen auch verdient. In Zusammenarbeit mit anderen Institutionen entstanden außerdedm mehrere Festivals: ein "Video-Forum" und ein Festival "Ethno-Film", sowie die "Schwulen Filmwoche" und "Lesben Filmtage".

Deutlich wird der Anspruch des Kommunalen Kinos am festen Programmteil "kino avantgarde", früher kino extrem: so "nennen wir die Rubrik, die dem Avantgarde- und Experimentalfilm gewidmet ist. Es ist viel nachzuholen auf diesem Gebiet, weil bisher kaum jemand wagte, solche Filme in der Öffentlichkeit vorzustellen. Nicht aus Gewissensgründen, keineswegs. Eher aus finanziellen Überlegungen heraus. Wir sind freilich der Meinung, daß es viele Freunde des Avantgardefilms gibt. Oder daß wir sie gewinnen werden." Die Hoffnung ein großes Publikum, für den Experimentalfilm zu interessieren, haben sich nicht immer erfüllt. Johannes Tritschler, Programmausschuß, erinnert sich, daß bei der Veranstaltung der australischen Filmemacher Arthur und Corinne Cantrill, neben ihm noch ein weiterer Mitarbeiter des Kinos und ein zahlender Zuschauer anwesend war. Dennoch gelang es, unter anderem durch Gegenfinazierung mit erfolgreicheren Filmen, die Reihe bis heute zu etablieren. Regelmäßig bietet man Vorführungen in Anwesenheit von Regisseuren an. Im Laufe der Zeit entstand in Freiburg ein Publikum für diese Sparte.

Silent Movie Music Company Die verhältnismäßig geringen Kosten sind hauptsächlich der ehrenamtlichen Mitarbeit der Filmenthusiasten zu verdanken. Die nach Aussagen des Regisseurs größte europäische Retrospektive mit Filmen von Powell & Pressburger, wurde durch die zeitaufwendigen Recherchen Wolfgang Lehmanns möglich. Sie führten vom Münchner Filmmuseum über "National Filmarchiv" in England, bis zu Verhandlungen mit "Walt Disney Company" und "20th Century Fox Film Ltd" in den USA . Notwendig wurde unter anderem die Neuverhandlungen über Musikrechte von Powells Bela-Bartok-Film "Blue Beards Castle" und die Erstellung einer Kopie, da dieser Film bisher in Deutschland nicht gezeigte Film nur noch im Original erhalten war. Die Recherchearbeit von einem Jahr wurde erhrenamtlich durchgeführt. Die Retrospektive ging anschließend auf Deutschlandtournee.

Die Pflege publikumsschwacher Sparten zeigt, daß diese Einrichtung nicht ohne Zuschüsse auskommen kann. Als anerkannte kulturelle Einrichtung finanziert es sich zur Hälfte aus Mitteln der Stadt Freiburg und des Landes Baden- Württemberg, die anderen Hälfte des Haushalts wird aus Eintrittsgeldern und sonstigen Umsatzerlösen und Spenden bestritten. Die öffentliche Förderung war anfangs im Freiburger Gemeinderat umstritten. Ein Stadtrat argumentierte, daß man sich um Steuergelder bringe und gleichzeitig "avantgardistische Erzeugnisse aus kommunistischen Ländern" unterstütze. Nach einem ersten öffentlichen Zuschuß des Freiburger Regierungspräsidiums, gewährte 1976 auch der damalige Kulturbürgermeister Graf erstmals Unterstützung aus seinem Verfügungsfond. Heute erhält das Kommunale Kino von der Stadt Unterstützung in sechsstelliger Höhe. Jährlich nutzen über 40.000 Zuschauer das Angebot von etwa 370 Filmen.

Aus der Arbeit beim Kommunalen Kino entstanden Karrieren. Die von Günter Buchwald, beispielsweise, dem "Stummfilm-Pianisten", wie er sich selbst nennt. Aufgrund einer Initiative von Willi Karow, damaliger Geschäftsführer, entstand eine bis heute dauernde Zusammenarbeit. Karow suchte jemand, der in der Lage wäre, einen Stummfilm am Klavier zu begleiten. Zufällig wurde bei dem damaligen Musikstudenten, Violine, angefragt, der Klavier nicht vom Blatt spielen, dafür aber um so besser improvisieren konnte. Aus der sporadischen Zusammenarbeit wurde ein fester Programmpunkt. Einmal im Monat begleitet Buchwald Filme von Murnau, Pabst, Strohheim am Klavier. Außerdem gründete er zusammen mit den Musikern Mike Schweizer, Wolfgang Fernow und anderen die ,,Silent Movie Music Company". Buchwald spielte inzwischen auf den "1. Stummfilmtagen" in Bonn, auf der "Berlinale" oder bei "Le Bon Film" in Basel. Seine längste Vorführung war "Die Nibelungen" von Fritz Lang mit insgesamt sechseinhalb Stunden und "leichten Verkrampfungserscheinungen in den Oberschenkeln." Bei der schwierigsten mußte er sich auf die Beschreibungen eines Filmführers verlassen. Er konnte den Film vor Beginn der Vorstellung aus technischen Gründen nicht sehen. Wer Buchwald nicht erlebt hat, weiß nicht, was Stummfilm sein kann. - "Andere Filme anders" zeigen.

Mani KaulDas Kommunale Kino wird diesem Anspruch in vieler Hinsicht gerecht. Filmgeschichte, Diskussionen mit Regisseuren, Stummfilm mit Live-Begleitung, Ethno-Film, Experimentalfilm und ein sinnvolles Konzept, das dem Zuschauer die Möglichkeit gibt, sich zu orientieren und seine Vorlieben zu pflegen oder Neues zu entdecken. Filmkunst im Wartesaal dritter Klasse? Dank der Zuschüsse und der professionellen Arbeit der ehrenamtlichen Filmenthusiasten, einer passablen Anlage und gut ausgestatteter Büros, kann in Freiburg täglich außer Montag ein vielfältiges, unterhaltsames und anspruchsvolles Programm gezeigt werden, das aus Freiburg nicht mehr wegzudenken ist.

In Zukunft soll ­ nach Aussagen aus dem Programmausschuß ­ das Niveau gehalten werden. Zusätzlich sollen dem Zuschauer neue Angebote gemacht werden. Man denkt, beispielsweise über "On-locations" nach. Daß hieße, daß Filme in themengerechten Vorführräumen angeboten werden. Außerdem möchte man die laufende Projektarbeit und das aktuelle Programm ausführlich im Internet vorstellen. Vielleicht sind auf diesem Weg auch einmal Vorbestellungen möglich. Im Kommunalen Kino sind nämlich öfters mal Vorstellungen ausgebucht.

Text: aptum 1997

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Zuletzt bearbeitet am 05.12.1997 © aptum 1997 Schreib mal wieder webmaster@aptum.de