MITTWOCHSKINO: ISTANBUL

ISTANBUL KULTURHAUPTSTADT 2010

Wir präsentieren Filme, die mit unterschiedlichsten Mitteln Geschichten aus der kosmopolitischen Stadt am Bosporus erzählen und uns in ihre bewegte Gegenwart entführen.

Wir freuen uns sehr, vier herausragende und international preisgekrönte Filme – drei davon als Premieren! – aus der lebendigen türkischen Kinokultur zeigen zu können. Typische Vertreter des Autorenfilms wie Nuri Bilge Ceylan, Yesim Ustaoglu, Reha Erdem und Özcan Alper setzen auf eine eigene Filmsprache und -ästhetik, psychologische Charakterstudien und vor allem auf sozial-politische Themen.

In HAYAT VAR blicken wir auf Istanbul vom Meer aus; in UZAK ist die Stadt ein Ort der Sehnsucht und Projektion für einen Provinzler aus Anatolien; für die 90-jährige Nusret in PANDORA’S BOX gleicht Istanbul einem Gefängnis und in SONBAHAR steht die Metropole für politische Auseinandersetzungen und für die Studentenbewegung.

HAYAT VAR | »WAS UNS AM BESTEN STEHT, IST DIE MELANCHOLIE« | SONBAHAR
Film des Monats: PANDORA‘S BOX
UZAK | ZUR TOPOGRAFIE DES TÜRKISCHEN ROMANS: SCHAUPLATZ ISTANBUL
Weitere Veranstaltungen zu Istanbul im Märzprogramm des Literaturbüros.

HAYAT VAR

MY ONLY SUNSHINE

Regie und Buch: Reha Erdem | Kamera: Florent Herry | mit Elit Ìscan, Erdal Besikçioglu, Levend Yılmaz, Banu Fotocan, Handan Karaadam
| Türkei/Griechenl./Bulg. 2008 | OmU | 121 Min. |

Die 14-jährige Hayat, nicht mehr Kind und noch nicht ganz Erwachsene, lebt mit ihrem Vater und dem asthmakranken Großvater in Istanbul. Ihr Vater verdient sich als Fischer, aber vor allem mit halbseidenen Geschäften. Dem Wasser kommt in diesem Film eine besondere, fast allegorische Bedeutung zu. Die Enge der Lebensverhältnisse spiegelt sich in dem schmalen Fluss, an dem Hayat lebt, aber er mündet in den Bosporus, auf dem die Kamera in atemberaubend schönen Bildern die Rümpfe der großen Frachtschiffe umkreist. (Forum, Berlinale)

»Der reizvollste Aspekt dieses Films liegt für mich darin, dass er als erster Film Istanbul vom Meer her betrachtet; er begreift Istanbul als eine Stadt am Meer. Wie alle Metropolen ist Istanbul eine raue Stadt. Besonders vom Wasser aus gesehen ist es eine brutale Stadt, die einen restlos herunterziehen kann, mit ihrer Schönheit aber auch berauschen kann, um einen im nächsten Moment in tiefe Melancholie zu stürzen und mit ihrer herzlosen Gleichgültigkeit schallend zu ohrfeigen. Der Film ist ein Versuch, Istanbul in dieser Vielfarbigkeit zu zeigen, die man vom Meer aus sieht.« (Reha Erdem)

Mi 03.03., 19:30 | Fr 05.03., 21:30 | So 07.03., 19:30 | Di 09.03., 21:30

»WAS UNS AM BESTEN STEHT, IST DIE MELANCHOLIE«

Deutsch-türkische Lesung aus der Anthologie KULTGEDICHTE und dem Roman SEELENFRIEDEN von Ahmed Hamdi Tanpinar
Auftakt zur Veranstaltungsreihe Istanbul 2010 Kulturhauptstadt

Das Lebensgefühl der Melancholie (»hüzün«) in allen ihren Schattierungen, wie Schwermut, Traurigkeit, Leid und Resignation, durchdringt die Literatur der türkischen Moderne. Die Melancholie steht deshalb auch als Motto über diesem Abend, an dem lyrische und epische Texte aus zwei Büchern der Türkischen Bibliothek der Robert Bosch Stiftung gelesen werden. Durch den Abend führt Prof. Dr. Erika Glassen, Islamwissenschaftlerin an der Universität Freiburg und Herausgeberin der »Türkischen Bibliothek« (zusammen mit Jens Peter Laut). Es lesen: Neriman Bayram (türkisch) und Anna Böger (deutsch). Die Veranstaltung wird musikalisch begleitet von Murat Coskun (Percussion).

Eine Veranstaltung des Literaturbüros Freiburg, des Kommunalen Kinos Freiburg, der Akademischen Plattform Freiburg e. V. und des Südwinds Freiburg e. V.

Gefördert durch die Robert Bosch Stiftung

Sa 06.03., 20:00, Eintritt: 5,00/3,00 Euro

SONBAHAR

HERBST

Regie und Buch: Özcan Alper | mit Onur Saylak, Megi Koboladze, Serkan Keskin
| Türkei/Deutschland 2008 | OmU | 99 Min. |

Yusuf kam in den 1990er Jahren, als er in Istanbul studierte, wegen seines politischen Engagements für die Demokratie ins Gefängnis. Zehn Jahre später wird er aus gesundheitlichen Gründen entlassen. Er kehrt in sein Heimatdorf zurück, das irgendwo über dem Schwarzen Meer liegt, findet dort aber nur noch seine kranke Mutter vor: Sein Vater ist während seiner Haft gestorben, und seine ältere Schwester hat geheiratet und lebt woanders. Außer Mikhail, seinem Jugendfreund, ist Yusuf der einzige junge Mann im Dorf. Eines Abends fahren die beiden Freunde in die nächste Stadt und lernen dort in einer Bar Eka kennen, eine georgische Animierdame. Yusuf verliebt sich und hofft durch sie seine Einsamkeit zu überwinden und weiterleben zu können. Doch für Eka ist Yusuf wie eine Gestalt aus einer anderen Welt und Zeit – ähnlich denjenigen, die sie aus ihren geliebten russischen Romanen kennt.

Im unaufgeregten Erzählrhythmus mit langen, an die Filme Theo Angelopoulos oder auch Nuri Bilge Ceylans erinnernden Einstellungen beschwört Alper eindringlich diese psychische Verfassung, die mit der grauen und verregneten Herbststimmung korrespondiert. SONBAHAR erhielt zahl-reiche nationale und internationale Auszeichnungen.

Mi 10.03., 19:30 | Fr 12.03., 21:45 | So 14.03., 17:30

Film des Monats

PANDORA‘S BOX

PANDORANIN KUTUSU

Regie und Buch: Yesim Ustaoglu | Kamera: Jacques Besse | Schnitt: Frank Nakache | mit Tsilla Chelton, Derya Alabora, Onur Ünsal, Övül Avkiran, Osman Sonant | Türkei/Frankr./D 2008 | OmU | 112 Min. |

In einem kleinen Dorf am Schwarzen Meer verschwindet eine alte Frau spurlos. Ihre drei erwachsenen Kinder reisen aus dem fernen Istanbul an, um die vermisste Mutter in den Bergen zu suchen und sie in die Stadt mitzunehmen. Dort wird klar, dass die Mutter an Alzheimer erkrankt ist und mehr Betreuung brauchen wird, als ihre Kinder sich das vorgestellt hatten. Doch alle drei führen ihr eigenes kompliziertes Leben und haben kaum Zeit für ihre Mutter, die sich in der großen Stadt ganz verloren fühlt.

Aber nicht nur das Leben mit der Mutter stellt sich als Herausforderung heraus, auch die Beziehung der Geschwister untereinander zeigt ihre offenen Wunden. Es ist der Enkel, der sich der anrührenden Großmutter annimmt, sich anschmiegt, sie am Bosporusufer ausführt und schließlich in die Berge wegziehen lässt. »Lass mich zu meinem Berg Gehen. Sonst vergesse ich auch die noch«, meint sie und geht ihren Weg in die Freiheit.

Regisseurin Yesim Ustaoglu (Reise zur Sonne) erzählt auf intensive und feinfühlige Weise über das Leben in verschiedenen Welten und die Schwierigkeiten, über diese Grenzen hinweg, Beziehungen aufzubauen. Herausragend die 90-jährige französische Schauspielerin Tsilla Chelton als Nusret, die beim Festival von San Sebastian verdientermaßen den Preis als beste Darstellerin bekam.

»Ganz heutig und in unaufdringlicher Poesie und Symbolik erzählt Pandora‘s Box eine ewige, zeitlose Geschichte. Ein so bescheidenes wie berührendes Meisterwerk.«
(Programmzeitung Basel)

Mi 17.03., 19:30, anschl. Diskussion mit Dr. Bernd Köster (Initiative »Stadt – Land – Demenz«) | Fr 19.03., 19:30 | Sa 20.03., 21:30 | So 21.03., 21:30 | Do 25.03., 21:30 | So 28.03., 17:30

UZAK

WEIT WEG

Regie, Buch und Kamera: Nuri Bilge Ceylan Musik: Wolfgang Amadeus Mozart mit Muzaffer Ödemir, Mehmet Emin Toprak, Zuhal Gencer Erkaya | Türkei 2002 | OmU | 110 Min. |

Weit weg – auf Türkisch: uzak – erscheint die Provinz von Istanbul aus, nicht nur geographisch. Als Yusuf, ein armer Verwandter aus Anatolien, in der Istanbuler Wohnung des Fotografen Mahmut auftaucht, gerät das Leben des ehemals engagierten Intellektuellen durcheinander. Yusufs jugendliches Chaos und sein Scheitern bei der Jobsuche halten Mahmut einen Spiegel vor.

»UZAK lässt sich ein auf die kreisende Bewegung seines Helden. Wir folgen einem Mann auf seinen Wegen durchs winterliche Istanbul, vorbei an Hafenanlagen, verrotteten Schiffen, an den großen Panoramablicken der Stadt. Es geht um einen jungen Mann, der aus der Provinz zu seinem neureichen Cousin zieht. Um große Träume von Reichtum und Ferne, die bald in kleinen Streitereien und Geldsorgen enden. UZAK erzählt von einem, der keinen Platz findet, weil diese überfüllte, harte Stadt mit all ihren Arbeitslosen auf nichts weniger gewartet hat als auf einen sehnsüchtigen Hinterwäldler. Nuri Bilge Ceylan findet Bilder, deren weite Perspektiven Platz lassen für die Einsamkeit zweier Männer, die in einer Wohnung und doch in zwei ›Parallelwelten‹ leben.« (Die Zeit)

»Die kleinen Szenen, Gesten und Blicke, die Ceylan für die Gefangenheit seiner Protagonisten findet, sind es, die diesen leisen Film in der Tradition von Ozu, Kiarostami und Tarkowski zum noch lange nachhallenden Meisterwerk macht.« (Martin Rosefeldt)

UZAK gewann – seit dem Großen Preis der Jury in Cannes 2003 – zahllose weitere nationale und internationale Preise.

Mi 24.03., 19:30 | Fr 26.03., 21:30 | Mi 31.03., 19:30

ZUR TOPOGRAFIE DES TÜRKISCHEN ROMANS: SCHAUPLATZ ISTANBUL

Vortrag von Prof. Dr. Erika Glassen zur Reihe MITTWOCHSKINO ISTANBUL

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde die literarische Gattung »Roman« aus Europa in das spätosmanische Reich importiert: Die reformfreudigen türkischen Literaten sahen im Roman das geeignete Medium, um die realen gesellschaftlichen Verhältnisse zu beschreiben und zu kritisieren. Istanbul diente den Literaten hierbei bevorzugt als Kulisse, spiegelte sich doch das Spannungsverhältnis zwischen der orientalischen Tradition und dem Trend zur westlichen Lebensart in den geo- und demografischen Gegebenheiten dieser Stadt wider. Prof. Erika Glassen wird dies anhand ausgewählter Istanbul-Romane präsentieren.

Prof. Dr. Erika Glassen, geboren 1934 in Malchow/Mecklenburg, studierte zunächst in Greifswald Kunstgeschichte, später in Freiburg und Basel Islamwissenschaft. 1968 wurde sie mit einem Thema über die islamische Geschichte Persiens promoviert, arbeitete als wissenschaftliche Assistentin am Orientalischen Seminar der Universität Freiburg und habilitierte sich mit der Arbeit Der mittlere Weg. In der Folge war sie als Referentin am Orient-Institut der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft tätig und von 1989–1994 Direktorin des Instituts. Zusammen mit Prof. Dr. Jens Peter Laut ist sie Herausgeberin der Türkischen Bibliothek.

Eine Veranstaltung des Literaturbüros Freiburg, des Kommunalen Kinos Freiburg, der Akademischen Plattform Freiburg e V. und des Südwinds Freiburg e. V.

Fr 26.03., 20:00, Eintritt: 3,00 Euro