MITTWOCHSKINO: Kinder und Heranwachsende

Bei internationalen Filmfestivals ist eine immer stärker werdende Tendenz zur Darstellung von Themen, die Kinder und Adoleszente betreffen, auszumachen. Vereinzelt wurden in jüngerer Vergangenheit sogar Projekte initiiert, bei denen Kinder maßgeblich bei der Drehbucherstellung beteiligt wurden (Sparte »Kids & Docs«, Dokumentarfilmfestival Amsterdam). Wenn auch beim größten deutschen Filmfestival, der Berlinale bislang von solchen Neuerungen Abstand genommen wird, so ist doch unübersehbar, dass die Sparte »Generation 14+« deutlich an Qualität gewonnen hat und das Gros des Publikums aus Erwachsenen besteht, die diesen Filmen viel abgewinnen können.

In unserem Monatsschwerpunkt zeigen wir zwei Produktionen, die in den letzten beiden Jahren in besagter Sparte bei der Berlinale großem Zuspruch erhielten (FIGHTGIRL AYS,E; SNOW). In beiden Filmen sind es Kinder und Heranwachsende, die durch ihren nicht zu brechenden Lebenswillen deutliche Akzente in einer wenig inspirierenden Lebenswelt setzen. Im dritten Film, DO YOU REMEMBER ME?, geht es um eines der Kinderschicksale, ausgelöst durch die HIV-Infektion der Eltern. Unsere Wahl fiel auf eines der prämierten Filmbeispiele, das sich in den letzten Jahren mit den Schicksalen von Kindern in weniger wohlstandprivilegierten Regionen der Welt befassen.

DO YOU REMEMBER ME? | FIGHTGIRL AYSE | SNOW | ROAMING AROUND

DO YOU REMEMBER ME?

Buch, Regie, Kamera und Produktion: Alexander Heuken, Michaela Liechtenstein
| Deutschland 2005 | OmU | 60 Min. |

Annuy, eine junge HIV-infizierte Mutter aus dem Nordosten Thailands muss eine schwere Entscheidung treffen: ihre Tochter bei sich zu behalten oder sie wegzugeben, um deren Leben zu retten. Mutter und Tochter sind fortan dauerhaft getrennt. Hintergrund dieser Entscheidung: seitdem die HIV-Infektion von Annuy und ihrem Ehemann bekannt wurde, kauft niemand mehr in ihrem Laden ein. Die Dorfbewohner trauen sich nicht einmal, den Hund zu streicheln. Annuy und ihre Familie leben infolgedessen abgeschottet vom restlichen Dorf. Um sich über Wasser halten zu können, müssen die letzten Ersparnisse aufgebraucht werden. Als das Geld ausgeht, bleibt ihnen nur die Flucht. Auf ihrer Odyssee durch Thailand wird die Familie in einem buddhis-tischen Tempel aufgenommen. Es ist einer der wenigen Orte, wo man sich der HIV-Infizierten annimmt und der für viele als Hospiz dient. Durch die sensible Darstellung vermittelt der Film einen nachhaltigen Eindruck von innerfamiliären Konflikten in einer Gesellschaft, die HIV-Infizierte immer noch mit Ausgestoßenen gleichsetzt.

Mi 01.04., 19:30, zu Gast die Regisseure Alexander Heuken und Michaela Liechtenstein | Fr 03.04., 21:30

FIGHTGIRL AYSE

FIGHTER

Regie: Natasha Arthy | mit Semra Turan, Nima Nabipour, Cyron Bjørn Melville, Behruz Banissi, Molly Blixt Egelind, Xian Gao
| Dänemark 2007 | DF | 97 Min. |

Die Schülerin Aicha ist leidenschaftliche Kung Fu-Kämpferin. Ihre türkischen Eltern verlangen gute Noten von ihr, damit sie ebenfalls Medizinerin wird wie ihr Bruder Ali. Aber die Schule interessiert Aicha wenig. Heimlich fängt sie an in einer professionellen Kung Fu-Schule zu trainieren. Dort trifft sie Emil, der sie unterstützt und ihr hilft, an den Klubmeisterschaften teilzunehmen. Sie verlieben sich…

Doch bald findet sich Aicha mit den Regeln ihres Lebens und ihrer Kultur konfrontiert, die nicht so einfach zu meistern sind wie die Regeln des Kung Fu, denn nun muss sie sich entscheiden, wer sie ist und was sie möchte.

Regisseurin Natasha Arthys Film gelingt die Balance zwischen Erzählung und Selbstreflexion, so dass FIGHTGIRL AYS,E eine Tiefe schafft, ohne schwerfällig oder verurteilend zu wirken. Xian Gaos Choreographie untermalt den Film dazu mit spektakulären Kung Fu-Szenen. Letztendlich ist die großartige Debutperformance der Darstellerin Semra Turan maßgeblich für die Energie des Films. Das wilde Charisma, das sie ausstrahlt und die Martial Arts-Szenen kommen von Herzen und machen das persönliche Drama glaubhaft.

Mi 08.04., 19:30 | Fr 10.04., 19:30 | So 12.04., 17:30 | Mo 13.04., 19:30 | So 19.04., 17:30

SNOW

SNIJEG

Regie: Aida Begic | mit Zana Marjanovic, Jasna Ornela Bery, Sadžida Šetic, Vesna Mašic, Emir Hadžihafizbegovic, Irena Mulamuhic, Jelena Kordic
| Bosnien/D/F 2008 | OmU | 73 Min. |

Witzig ist es selten im, vom Balkankrieg zerstörten, bosnischen Dorf Slavno. Nur wenn die überlebenden Frauen ihre verstorbenen Ehemänner und andere tote Familienmitglieder pantomimisch darstellen, um ihre Kinder aufzuheitern, wird – so makaber dies auch klingt –, gelacht. Die verbliebenen Dorfbewohner müssen sich zwei Herausforderungen stellen: Zum einen dem täglichen Kampf ums Überleben, zum anderen der verzweifelten Suche nach vermissten Angehörigen. Unbeschwertheit blitzt einzig bei den Kindern auf, die sich mit Hingabe ihren Spielen widmen. Nur Alma, eine junge Kriegswitwe, glaubt mit dem Handel mit eingelegtem Obst eine Existenz aufbauen zu können. Dies umso mehr als ein zufällig vorbeikommender Lastwagenfahrer verspricht, selbst Kunde zu werden und durch den Transport den Absatz zu garantieren. Zögerlich keimt unter der Dorfbevölkerung Hoffnung auf. Zeitgleich versucht jedoch ein großer Baukonzern, sich die gesamten Ländereien anzueignen und alle Bewohner zu vertreiben.

Aida Begics Erstlingsfilm SNOW vermittelt ein sehr authentisches Bild der Nachkriegssituation in Bosnien, wirkt allerdings nicht dokumentarisch, da er auch einige fantastische Elemente beinhaltet. Das vielversprechende Debüt einer jungen Filmerin – sanft und berührend.

Mi 15.04., 19:30, zu Gast: Regisseurin Aida Begic | Do 30.04., 19:30 | weitere Termine siehe Mai-Programm

ROAMING AROUND

Regie: Brigitte Maria Bertele |
| Deutschland 2008 | 53 Min. |

Straßenkinder in Ghana: behutsam beobachtet und befragt.

So 19.04., 21:30 | Di 21.04., 21:45 im Rahmen des Programms Verlorene Seelen des Deutschen Kurzfilmpreises on Tour