MITTWOCHSKINO: ISLAMISCHE FRAUENREALITÄTEN – ÜBERRASCHENDE EINBLICKE

» In der westlichen Wahrnehmung sind die Frauen in islamischen Ländern häufig Opfer des männerzentrierten Gesellschafts- und Glaubenssystems. Auch wenn dieses Bild nicht völlig unberechtigt ist, gibt es wenig Anlass für eine Generalisierung. Um das gängige, oftmals einebnende Bild aufzubrechen, werden im Februarprogramm Filme gezeigt, die andere Facetten weiblicher Lebensrealitäten dokumentieren oder konzipieren.

Den Anfang dieser Reihe bildet der dokumentarische Film SATELLITE QUEENS: Vier emanzipierte Frauen moderieren eine regelmäßig ausgestrahlte Talkshow, die über Satellit in fast alle arabischsprachige Länder ausgestrahlt wird, kein Tabuthema kennt und daher über alle nationalen Grenzen hinweg Kultstatus hat. Weit subtiler aber nicht weniger gesellschaftskritisch ist der Spielfilm CARAMEL, der vor allem auch durch seine wunderschöne Ästhetik und seine Darstellerinnen glänzt und autonome Frauen in den Mittelpunkt des Geschehens rückt. Ganz anders nähert sich der Film des Monats BARAKAT! dem Thema. In diesem Spielfilm lassen sich mutige Frauen während des algerischen Bürgerkriegs angesichts des Verschwindens ihrer Ehemänner nicht einschüchtern, sondern nehmen trotz aller Gefahren die Suche nach dem Vermissten auf. Schließlich geht es in der Veranstaltung BLICKE AUF UND HINTER DEN SCHLEIER darum, filmische Gegenbilder zur weit verbreiteten Sicht auf dieses besonders in Mitteleuropa immer wieder heftig debattierte Kleidungsstück zu zeigen und Gelegenheit zur Diskussion zu geben.

Im März zeigen wir den hoch gelobten Animationsfilm PERSEPOLIS, in dem sich eine junge rebellische Frau den limitierenden Traditionen im Iran widersetzt.

SATELLITE QUEENS | CARAMEL | BLICKE AUF UND HINTER DEN SCHLEIER

SATELLITE QUEENS – BEHIND THE SCENES OF A PRIME TIME ARAB TALK SHOW

Regie und Buch: Bregtje van der Haak
| Niederlande/USA 2007 | OmeU | 59 Min. |

Das Modell der Talkshow hat auch im arabischen Raum Fuß gefasst. Als eine der einflussreichsten Talkshow gilt die von vier Frauen moderierte Sendung Kalam Nawaem (Soft Talk/Women’s Talk). Sie wird über den führenden Satellitensender MBC ausgestrahlt und über alle Grenzen hinweg von Millionen Zuschauern in der gesamten arabischen Welt gesehen.

In dieser lebendigen, in Ägypten produzierten Talkshow diskutieren vier Frauen aus unterschiedlichen Teilen des arabischsprachigen Raumes über alle relevanten Themen.

Hierzu zählen sowohl gegenwärtige Ereignisse, Kultur, Politik, Terrorismus aber auch Fragen des Lifestyles und absolute Tabuthemen wie zum Beispiel Masturbation und Homosexualität. Ein wichtiges Konzept der Talkshow ist es, alle Themen aus verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten und – teils mit Gästen – zu diskutieren, wobei die Moderatorinnen die Macht der Medien bewusst einsetzen, um starre, konservative Meinungen aufzubrechen. Auf Grund der oft provozierenden Positionen bleiben Drohungen nicht aus, so dass den Frauen viel Mut abverlangt wird.

Da im Film neben den unterschiedlichen Lebenshintergründen der Hauptprotagonistinnen auch Zuschauerreaktionen eingefangen wurden, drehte die holländische Filmemacherin Bregtje van der Haak im Libanon, in Dubai, Saudi-Arabien und Ägypten.

Mi 04.02., 19:30 | Fr 06.02., 21:30

CARAMEL

SUKKAR BANAT

Regie: Nadine Labaki | mit Nadine Labaki, Yasmine Al Masri, Joanna Moukarzel, Gisèle Aouad, Adel Karam, Siham Haddad
| Frankreich/Libanon 2007 | OmU | 95 Min. |

Fünf Frauen auf der Suche nach einem kleinen Stück vom großen Glück. Sie treffen sich regelmäßig in einem Schönheitssalon, um sich über ihr Leben und die Liebe auszutauschen. Der Laden, betrieben von der schönen Layale, bildet den farbenfrohen, sinnlichen Mikrokosmos der Stadt. Zwischen Haarschnitten und Kosmetikbehandlungen vertrauen sich die fünf Frauen ihre verborgensten Wünsche und tiefsten Geheimnisse an.

Layale liebt einen verheirateten Mann und bemerkt nicht, dass sie einen Verehrer hat, der alles für sie tun würde. Nisrine wird demnächst heiraten, aber sie ist schon lange keine Jungfrau mehr. Rima verliebt sich in einen Kunden und Jamale hat furchtbare Angst vor dem Älterwerden. Die Schneiderin Rose lebt für ihre kranke Schwester, doch mit dem Gentleman Charles tritt zum ersten Mal die Liebe in ihr Leben. Hin- und hergerissen zwischen der Tradition des Ostens und der Moderne des Westens versuchen die fünf Frauen ihr Lebensglück zu verwirklichen.

Mi 11.02., 19:30 | Fr 13.02., 21:30

BLICKE AUF UND HINTER DEN SCHLEIER

VEILS UNCOVERED

Regie und Buch: Noura Kevorkian
| Kanada 2002 | OmeU | 27 Min. |

Der preisgekrönte Debütfilm der libanesisch-stämmigen Kanadierin Noura Kevorkian vermittelt einen einzigartigen Einblick in das Leben verschleierter Frauen in der syrischen Hauptstadt Damaskus. Es wird deutlich, dass der Sexualität eine wichtige Bedeutung zukommt und die Frauen keineswegs so prüde sind, wie es die relativ uniforme Erscheinung vermuten lässt. Eine zentrale Rolle kommt dabei jener Kleidung zu, die unter der Straßenkleidung getragen wird. Beim Gang durch den Souk und zuhause offenbaren die Interviewten eine Vielfalt an Unterwäsche, die selbst den westlichen Betrachter erstaunt. Doch ganz freiwillig ist der Versuch, ihre Attraktivität mit allen Mitteln aufrecht zu erhalten, nicht. Wegen der Polygamie für Männer sehen sie sich in einem Wettstreit mit möglichen Rivalinnen. Ihre Männer sollen keinesfalls »auf dumme Gedanken kommen.«

THE VEIL UNVEILED

Regie und Buch: Vanessa Langer | Schweiz 2004 | OmeU | 30 Min. |

Da der Schleier traditionell schwarz ist, erscheint dieses islamische Kleidungsstück für Menschen aus den westlichen Gesellschaften relativ gleichförmig. Häufig werden damit auch gleichförmige Trägerinnen assoziiert. Es ist unüblich, genauer hinzuschauen und ein Gespür für die Diversität zu entwickeln.

Genau das macht die schweizer Filmemacherin Vanessa Langer. In Sana‘a, der Hauptstadt Jemens, entdeckte sie eine verblüffende und trotz der Einheitsfarbe kaum für möglich gehaltene Vielfalt an Schleiern. In ihrem Film zeigt sie, dass jeder Schleier anders ist und nicht nur eigene Symbole trägt, sondern auch unterschiedlich getragen wird. Die Trägerinnen sehen den Schleier nicht als Symbol der Unterdrückung der Frau, sondern als Ausdruck ihrer Persönlichkeit und ihres Modebewusstseins: Sie machen sich ein Spiel daraus mit dem, was sie zeigen und was sie verhüllen.

Wer diesen Film gesehen hat, dürfte zukünftig differenzierter hinzuschauen und entwickelt vielleicht eine andere, Sichtweise zu diesem heftig diskutierten Thema.

Mi 25.02., 19:30, anschließend Diskussion, zu Gast: Fatma Sagir, Orientalisches Seminar Uni Freiburg