24. Internationales Theaterfestival »Glauben«

24. Internationales Theaterfestival »Glauben«

Vom 16. bis 25. Juni findet das 24. Internationale Theaterfestival Freiburg statt; mit Inszenierungen zum Thema »Glauben« aus Russland, der Türkei, Italien, Iran und Deutschland. Die Hauptspielorte des Festivals sind das Theater im Marienbad, das Theater Freiburg und das E-Werk.
Weitere Infos unter www.marienbad.org

GLAUBE, RITUAL, ALLTAG

Unser Schwerpunktprogramm fokussiert religiöse Rituale, kollektive Zeremonien und Alltagspraktiken in aller Welt, die nicht die »reine« Lehre der großen Religionen zelebrieren. Sie basieren auf Vermischungen unterschiedlicher Glaubensrichtungen oder verletzen als »Volksglaube« die Regeln der Orthodoxie.

Der brasilianische Spielfilm FÜNFZIG STUFEN ZUR GERECHTIGKEIT veranschaulicht auf faszinierende Weise, wie das afrikanische Erbe im Glaube der Candomblé wachgehalten wird und mit Dogmen der katholischen Kirche zusammenstößt. Der poetische Dokumentarfilm DIVINE HORSEMEN zeigt Voodoo-Religion in Haiti, deren Wurzeln in Westafrika liegen, die aber im Laufe der Zeit vielfältige Elemente anderer Traditionen und Religionen aufgenommen hat. Einen kleinen Ausschnitt aus den reichen und vielfältigen Traditionen islamischer Lebenswelten präsentieren die Formen der islamischen Mystik, des Sufismus, mit ihrer Verehrung heiliger Frauen und Männer (MAST QUALANDAR), die »volksislamischen« Kulte in Südiran (DER WIND DES DJINN) und die rituellen Formen des Pilgeralltags in Mashhad/Nordiran (OH, BESCHÜTZER DER GAZELLEN). DER KULT DER STEINE führt uns schließlich nach Europa und zeigt uns Formen der Magie und Rituale in Süditalien. Abgerundet wird das Programm durch zwei Jesusfilme aus der Frühzeit des Kinos – deutlich zu sehen ist hier die Herkunft vom volkstümlichen Passionsspiel – und dem aktuellen Kinofilm REQUIEM.

 

DIE VIELFALT DES GLAUBENS IM ISLAM | VOODOO IN HAITI | AFRO-BRASILIANISCHE RELIGION IN BRASILIEN | MAGIE UND RITUALE IN SÜDITALIEN | STUMMFILM | HAFIS LESEN

 

 


 

DIE VIELFALT DES GLAUBENS IM ISLAM

Die Autoren Parviz Kimiavi und Nasser Thagvai realisierten Ende der 60er und Anfang der 70er – wie viele Dokumentarfilmer – ethnografische und die persische Kultur(geschichte) behandelnde Beiträge für das nationale Fernsehen – ein Weg, Probleme mit der Zensur zu umgehen. In Kimiavis OH, BESCHÜTZER DER GAZELLEN (1970) wird die Grabstätte des Imam Reza in Mashhad, im Gegensatz zu anderen iranischen Filmen über das Heiligtum, nicht verherrlicht, sondern als Pilgerort mit Widersprüchen dargestellt. Der Prunk des Pilgerorts steht der Armut der bittenden Gläubigen gegenüber. Nasser Thaghvais nähert sich dem südiranischen Besessenheitskult in DER WIND DES DJINN (1969) mit einer Einführung durch ein Gedicht von Ahmad Shamlu. Diese poetische Art des Kommentars ist in der persischen Kultur stark verwurzelt und wird von Filmemachern in Dokumentar- und Spielfilmen häufig verwendet. Thagvais Einblendung von Daten, die auf die repressive Politik der Regierung unter dem Schah anspielen, führte zum damaligen Verbot dieses ethnografischen Films.

OH, BESCHÜTZER DER GAZELLEN

YA ZAMAN-E AHU

Regie und Buch: Parviz Kimiavi | Kamera: Esmail Emami | Iran 1970 | OF | 19 Min. |

Bilderstarker Essay über Glanz und Elend des Irdischen. Der jahrelang schubladisierte Meilenstein der Dokumentarfilmgeschichte zeigt den Alltag von Gläubigen in der Pilgerstätte Imam Reza in der nordostiranischen Stadt Mashad. Imam Reza, der achte schiitische Imam, wird im Volksmund auch »Beschützer der Gazellen« genannt. Täglich pilgern tausende Gläubige zu seiner Grabstätte. Im Zentrum des Heiligtums steht der prächtige goldene Schrein, den die Pilger zu berühren versuchen, während sie dem Heiligen ihr Herz ausschütten und ihn um Segen und Heilung für Krankheiten bitten. Kimiavi hält einen Tag im Heiligtum vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang fest.

»Der Symbolismus in meinen Filmen wurzelt in der Wirklichkeit. Alles in meinen Filmen, die Menschen und die Gegenstände, ist real, nichts ist gestellt. Ich nehme nur Einfluss auf die Position, die sie im Film einnehmen. Hier ist der Glaube, der die Menschen zum Schrein bringt. Alles, was ich mache, ist, den Raum zwischen den Händen und dem Schrein zu zeigen. « (Parviz Kimiavi)

Der Wind des Djinn

DER WIND DES DJINN

BAD-E JENN

Regie und Buch: Nasser Taghvai | Kamera: Amir Karari,
| Iran 1969 | OF | 21 Min. |

Taghvai gliedert diesen Film über religiöse Kulte in den persisch- und arabischsprachigen Regionen Bandar Abbas und Bandar Lengee im Süden Irans in zwei Abschnitte. Im ersten Teil führt einer der wichtigsten Lyriker der persischen Moderne, Ahmad Shamlu, mit seiner Stimme und seinem Gedicht in die Mystik des Winds der Djinnen, der bösen Geister, ein. Dieser Wind kann die Menschen beherrschen und aus dem Land vertreiben. Shamlus Gedicht begleitet Bilder einer Ruinenstadt und regionalen Landschaft, durch die zuletzt eine Frau schreitet. Die Frau geht zu einem Kult, der einem von dem Djinn Besessenen helfen soll. Im zweiten Teil wird dieser ›volksislamische‹ Kult geschildert: Frauen und Männer musizieren und helfen dem Besessenen gemeinsam, ihn von dem Djinn zu befreien. Der Rhythmus der Musik ist von den Trommeln der Nachfahren ehemaliger afrikanischer Sklaven, die an dem Kult teilnehmen, beeinflusst.

Zwischen den Bildern der Ruinenstadt sind auf Wände und Türen geschriebene Daten zu sehen, die für die iranische Geschichte der 50er und 60er Jahre einschneidend waren. Es geht um subtile, die Zensurbehörden umgehende Anspielungen Taghvais auf die Gründung des Geheimdienstes Sawak 1956, die Machtübernahme des vom Schah eingesetzten Ministerpräsidenten Amini 1960 und die Studentenunruhen und Verhaftungen von Oppositionellen 1968.

MAST QUALANDAR

| Deutschland 2005 | 29 Min. |

Nach dem Glauben der »Sufis«, der Anhänger des mystischen Islams, ist jemand Mast, der den Weg der Liebe beschreitet, um seinem Heiligen zu begegnen; jemand im Zustand der Ekstase, auf der Suche nach spiritueller Zuneigung, versunken im inneren Rhythmus von Meditation und Trance. Mast Qalandar war ein Sufi-Heiliger, der sich in Sehwan Sharif im Süden Pakistans niederließ, um seine Lehre von Liebe, Toleranz und Ekstase zu predigen. Bald wurde er zu einer Legende unter den Heiligen des mystischen Islams im Orient. Diejenigen, die Mast Qalandar im höchsten Maße verehren, sind davon beseelt, ihm zu begegnen, selbst um den Preis des Verlustes des eigenen Bewusstseins und der eigenen Existenz.

Zum Fest der Vereinigung Mast Qalandars mit Allah pilgern alljährlich Millionen seiner Anhänger zum Schrein in Sehwan Sharif. Das Filmteam begleitet die Pilger auf ihrer Suche nach individueller und kollektiver Ekstase. Die einmaligen Beobachtungen atmen den Geist alter mystisch-islamischer Lebensweise, fernab fundamentalistischer Strömungen.

| Fr 23.06., 19:30, Einführung: Neriman Bayram | Sa 24.06., 23:15 |

 


 

Divine Horsemen

VOODOO IN HAITI

DIVINE HORSEMEN: THE LIVING GODS OF HAITI

Regie, Buch und Kamera: Maya Deren | Musik: Teiji Ito
| USA 1947–51 | 55 Min. |

DIVINE HORSEMEN war mit Sicherheit das am größten angelegte Filmwerk der berühmten Avantgardefilmerin und Tänze-rin Maya Deren – ursprünglich geplant als Dokumentation von Voodoo-Tanzritualen, verlor/fand sich Maya Deren immer mehr in der Welt des Voodoos. Von 1947 bis 1955 dreht sie auf Haiti den Dokumentarfilm über Voodoo und wird zuletzt als Voodoo-Priesterin initiiert: Das erklärt auch im Blick auf den Kult wiederum die intimen Details, die in ihrem Film festgehalten sind. Den eigentlichen Film zu beenden war sie Ihr Leben lang nicht mehr in der Lage. Nach ihrem Tod stellte ihr 3. Ehemann, der amerikanische Komponist japanischer

Abstammung Teiji Ito zusammen mit Cherel Ito eine fragmentarische Version her, die etwas von der Begeisterung und Qualität von Derens Bildern wiedergibt. Sie filmt die rituellen Bewegungen nicht nur ab, sondern wandelt sie in eine gleichwertige Filmsprache um. DIVINE HORSEMEN besteht weit-gehend aus verschiedenen Ritualen, Tänzen und Musik: Verschiedene Götter werden angerufen und Opfer dargebracht, auf einen »erklärenden« Kommentar wird verzichtet.

| Di 20.06., 21:30, mit Einführung | Sa 24.06., 17:30 |

 


 

Fünfzig%20Stufen

AFRO-BRASILIANISCHE RELIGION IN BRASILIEN

FÜNFZIG STUFEN ZUR GERECHTIGKEIT

O PAGADOR DI PROMESSAS

Regie, und Buch: Anselmo Duarte | Kamera: Chick Fowle, Geraldo Gabriel | Musik: Gabriel Migliori | mit Leonardo Villar, Glória Menezes, Norma Bengell u.a.
| Brasilien 1962 | OmeU | 95 Min. |

Ein einfacher Mann vom Land hat bei einer afrikanischen Kultfeier ein Gelübde getan, stößt aber am Ende, nachdem er mit einem schweren Kreuz auf dem Rücken bereits einen weiten Weg zurückgelegt hat, auf die Unnachgiebigkeit der Kirche. Dieser Klassiker des brasilianischen Cinema Novo gewann in Cannes die Goldene Palme und wurde für den Oscar nominiert.

| Mi 21.06., 19:30, mit Einführung | Fr 23.06., 23:00 |

 


 

REQUIEM

Regie: Hans-Christian Schmid | Buch: Bernd Lange | Kamera: Bogumi Godfrejow | mit Sandra Hüller, Burghart Klaußner, Imogen Kogge u.a.
| Deutschland 2005 | 93 Min. |

Erzählt wird die Geschichte von Michaela Klinger, einer jungen Frau, aufgewachsen in einem streng katholischen Elternhaus und auch selbst fest im Glauben. Michaela leidet an Epilepsie und gegen den Willen ihrer Mutter zieht sie nach Tübingen, um dort zu studieren. Schnell findet sie dort Freunde und genießt die neue Freiheit. Doch schon bald beginnt Michaela unter Wahnvorstellungen und Anfällen zu leiden und glaubt besessen zu sein.

Hans-Christian Schmidts Bearbeitung der wahren Geschichte der Anneliese Michel, die 1976 Jahren nach halbjährigem Exorzismus an Unterernährung starb, setzt auf Milieuschilderung: einerseits die enge bigotte Welt des Elternhauses, der Kirchengemeinde und des Dorfs; andererseits die freiere Welt der Stadt und der Uni. Sandra Hüller hat für ihre einfühlsame Darstellung der Michaela zu Recht in Berlin den Silbernen Bären verliehen bekommen.

| Mi 21.06., 21:30 | Sa 24.06., 19:30, im Rahmen der Reihe »Psychoanalytiker stellen Filme vor«. Analyse: Dr. Otto Beckmann | So 01.07., 17:30 |

 


 

MAGIE UND RITUALE IN SÜDITALIEN

DER KULT DER STEINE

VIER FILME VON LUIGI DI GIANNI

Luigi di Gianni, geboren 1926 in Neapel, ist Autor und Regisseur zahlreicher Filme anthropologischer, historischer oder sozialkritischer Zielsetzung bezüglich Kunst bzw. Kino. Herausragend sind seine Filme über Formen der Magie und Rituale in Süditalien. Ausgehend von einer magischen Beschwörung des Unwetters zeigt MAGIA LUCANA Alltagsbilder aus dem bäuerlichen Milieu in der süditalienischen Provinz Basilicata gezeigt. IL MESSIA schildert einen bizarren Fall der Religionsgeschichte: Zahlreiche Bewohner eines süditalienischen Bergdorfes sind 1935 zum Judentum konvertiert und später zum Teil nach Israel ausgewandert. Der charismatische Kult um den Gründer Maduzio wird hier in Zusammenhang mit der Erlösungshoffnung der südländischen Religion gesehen. In Raiano wird jedes Jahr das Fest von San Veneziano gefeiert. Der Heilige lebte in den Höhlen rund um das Dorf, deren Steine eine therapeutische Kraft besitzen sollen. Neben den offiziellen Feiern ist der KULT DER STEINE das geheimste und älteste Ritual. GRAZIE E NUMERI schließlich zeigt u.a. magische Praktiken in Neapel, vor allem der Kult um die Geister aus dem Purgatorium und das Porträt eines Mannes, der vom Weihrauchspenden lebt. Lottospieler und Lottomagier.

| Fr 23.06., 21:30, Einführung: Alessandra Ballesi-Hansen (Centro Culturale Italiano) | Mi 28.06., 21:30 |

 


 

STUMMFILM

DAS LEBEN UND DIE PASSION CHRISTI

Regie, Kamera und Buch: Frères Lumière | Frankreich 1897 | Stummfilm | 13 Min. |

Das Leben und die Passion Jesu Christi der Brüder Lumière aus dem Jahr 1897 gilt als die älteste erhaltene Verfilmung der Passionsgeschichte. In 13 Szenen von jeweils einer Minute Länge erzählt der Film noch ganz in der Tradition der »volkstümlichen« Passionsspiele, beginnt jedoch bereits filmspezifische Erzählweisen zu entwickeln.

DER GALILÄER

Regie: Dimitri Buchowetzki
| Deutschland 1921/22 | Stummfilm | 45 Min. |

Der Galiläer, 1921 von dem im Exil lebenden russischen Regisseur Dimitrij Buchowetzkij gedreht, ist die Verfilmung eines in Freiburg inszenierten Passionsspiels. Im Gegensatz zum Film der Lumières stellt der Galiläer jedoch kein abgefilmtes Theaterstück dar, sondern steht in Inszenierung, Kameraführung und Montage ganz in der Tradition der in der Weimarer Republik sehr erfolgreichen historischen Ausstattungsfilme. Gefilmt wurde an zahlreiche Schauplätzen in und um Freiburg.

| So 25.06., 19:30, am Klavier: Günter A. Buchwald |

 


 

HAFIS LESEN

MIT FAZLOLLAH MOSTAFAWY

Der iranische Arzt und Dichter Fazlollah Mostafawy wird einige Gedichte in wunderbar feiner Detailarbeit interpretieren und aus ihrem Entstehungskontext heraus erläutern. Elisabeth Kiderlen, die drei Monate als Gastdozentin an der Universität Isfahan unterrichtet hat, wird erzählen, an welchen Orten und in welchen Situationen man in Iran auf den Dichter trifft. Gut sechshundert Jahre ist Hafis alt und überall dabei.

| Mo 19.06., 17:30 | Galerie |

 


 

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