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Face to Face

Alltagswelten des Islam im Kurz- und Dokumentarfilm

Alltagswelten des Islam im Kurz- und Dokumentarfilm

Die bereits bei der letzten Kurzfilmbiennale (vormals Filmfest Stuttgart Ludwigsburg) begonnene Programmreihe „Face to Face“ wird beim diesjährigen Festival durch die Auseinandersetzung mit dem Lebensalltag in islamisch geprägten Ländern fortgeführt. Ziel von „Face to Face“ ist es, den Dialog mit nichteuropäischen Kulturen zu intensivieren. Allerdings muß gesagt werden, daß der Islam kein außereuropäisches Phänomen ist: aufgrund der demographischen Entwicklung werden in naher Zukunft immerhin 30% der Bevölkerung in Deutschland einen islamischen Background haben. Auch der Begriff des „Außereuropäischen“ muß in einer Zeit, die von Globalisierung und Migration geprägt ist, problematisiert werden. Dementsprechend sind in der Programmreihe „Face to Face“ auch Filme aus Dänemark, Deutschland, Frankreich und Großbritannien zu sehen. Angesichts der gegenwärtigen Zuspitzung der politischen Situation ist das Anliegen unseres Programms, eine differenzierte Wahrnehmung islamisch geprägter Welten zu ermöglichen. Dabei sind wir uns dessen bewußt, dass die Filme und ihre AutorInnen nicht auf eine religiöse Problematik zu reduzieren sind. Nationale, traditionelle oder religiöse Etikettierungen sind bei allen Werken fragwürdig; es sind immer auch individuelle Positionen, und der islamische Background ist allenfalls der kleinste gemeinsame Nenner.

Die Tendenz, daß zunehmend MigrantInnen aus islamischen Ländern die Filmkultur Europas mitgestalten, ist auch im Wettbewerb der Kurzfilmbiennale deutlich sichtbar. Der Hauptschwerpunkt des Programms liegt jedoch auf zwei islamischen Ländern, Palästina und Iran, die aufgrund ihrer Geschichte und der aktuellen politischen Umstände sehr unterschiedliche Lebensbedingungen und Alltagsgegebenheiten für die jeweilige Bevölkerung aufweisen.

Die Filmemacherin Azza El-Hassan, die mit drei dokumentarischen Filmen im Programm vertreten ist, steht paradigmatisch als „displaced person“ für die palästinensische Identität und für die Beziehung zu Europa. Als Kind einer palästinensischen Familie in Amman /Jordanien geboren, studierte sie an der Universität Glasgow Film und Soziologie und erhielt am Institut für Fernsehdokumentation des Goldsmith College in London den MA. 1996 ging El-Hassan mit einem Touristenvisum in ihre unbekannte Heimat Ramallah/Palästina und beschloss dort zu bleiben. Ihre Dokumentarfilme wie „News Time“ sind keine eindimensionalen palästinensischen Erbauungsfilme, die nur den Feind Israel kennen, sondern versuchen mit großer Sensibilität, Poesie und einem guten Schuß Humor auch die innerpalästinensischen Probleme zu ergründen. Weitere palästinensische Kurzfilme u.a. von Tawfeek Abu-Wael, Sobhi al-Zobaidi und Annemarie Jacir thematisieren Lebensbedingungen in einem Palästina, in dem der Ausnahmezustand zur Normalität geworden ist.

Ganz anders die Situation im Iran: hier gibt es zum einen eine florierende, teilweise staatlich unterstützte Kurzfilmproduktion; zum anderen präsentiert sich das Land als „real existierender“ Gottesstaat. Bei genauerem Blick durch die Lupe des Kurz- und Dokumentarfilms zeigen sich zahlreiche Brüche und Paradoxien. In den letzten Jahren sind unter der offeneren Kulturpolitik Chatamis Filme entstanden, die in Abweichung von den Stereotypen des westlichen Mediendiskurses die Komplexität und die Widersprüche einer modernen islamischen Gesellschaft vor Augen führen.

Einerseits existiert ein stark durch die islamische Gesetzgebung reglementiertes Moralsystem, andererseits bestehen eine Vielzahl von Möglichkeit der Dissidenz – insbesondere die Flucht in private, hedonistische Gefilde. In einem Land, in dem säkulare Feiern nicht erlaubt sind, finden diese umso exzessiver hinter verschlossenen Türen statt. Es ist kein Geheimnis, daß der Iran ein massives AIDS- und Drogenproblem hat. Die Filme „Prostitution Behind the Veil“ und „Just A Woman“ zeigen auf drastische Weise die Doppelmoral eines Landes zwischen religiöser Reglementierung und zunehmender Liberalisierung. Dieses Spannungsfeld macht die Filmproduktion umso interessanter: wunderschön inszenierte, durchaus kritisch-ambitionierte staatliche Kurzfilme stehen subversiven Independentproduktionen gegenüber, die Themen und Konflikte in den Vordergrund rücken, die vorher tabu waren oder nur verschlüsselt aufgegriffen wurden. Allen Filmen ist eine gewisse Ästhetik der Langsamkeit eigen, die dem Bewegungsbild eine spezielle Erhabenheit verleiht. Dies gilt sowohl für die Videos des Dokumenta 11-Teilnehmers Seiffolah Samadian als auch für die Kurzspielfilme von FilmemacherInnen wie Elham Hosseinzadeh und Naser Naserpour. So haben wir ein Kurzfilmprogramm „Warten und Wahrnehmen“ genannt, da diese Prädikate nicht nur auf die Filmgestaltung zutreffen, sondern auf die gesamte Lebenssituation. Doch das ist nur die halbe Wahrheit und die Sicht aus europäischer Perspektive: So schreibt Navid Kermani in seinem Aufsatz „Ajatollah Fußball“: „In einem Interview versicherte der Regisseur Mohsen Machmalbaf, daß er, sollte er in einem Film je einen Europäer zeigen, ihn sitzend zeigen werde. Während die Europäer aus der iranischen Perspektive heraus gesehen sitzen und das Leben genießen, würden die Iraner rennen.“

Im Mittelpunkt der „Face to Face“ - Reihe stehen zum einen die Rolle und die Lebensräume von Frauen, zum anderen die Frage der Sexualität. Wie gehen Frauen in islamischen Ländern mit der ambivalenten Situation zwischen Tradition und Emanzipation um? Wo kommt es zu Widerstand und wo werden die auf islamischen Traditionen beruhenden Vorgaben von Frauen akzeptiert? Sicherlich ist der Schleier der sichtbarste, religiös-gesellschaftliche Ausdruck der Situation der Frau im Islam, doch lenkt er – von den einen als Symbol der Unterdrückung von Frauen, von den anderen als Ausdruck religiöser Demut und moralischer Intaktheit betrachtet – von der Komplexität des alltäglichen Lebenskosmos eher ab.

Auch der Umgang mit Sexualität stellt eine große Herausforderung für die islamische Gesellschaft dar – einer Gesellschaft, in der Homosexualität noch heute ein Tabuthema ist. In diesem Zusammenhang spielen auch die Filme der Academie Libanaise des Beaux-Arts aus Beirut eine wichtige Rolle, die wir ausführlich vorstellen. Wie kann sich eine auf Religion basierende Gesellschaft von den westlichen Paradigmen der Sexualität distanzieren, die zunehmend Warencharakter besitzt? Wie kann sie wiederum auf gesellschaftlich-emanzipatorische und postbiologische Prozesse reagieren, ohne ihr eigenes Fundament zu zerstören? Diese zugegebenermaßen ambitionierten Fragestellungen werden in den Kurz- und Dokumentarfilmen auf eine unprätentiöse, persönliche und alltägliche Weise behandelt. Kurzfilme wie „Just a Woman“ oder „Diary of a Male Whore“ greifen diese Themen auf und spielen die große Qualität des Genres „Kurzfilm“ aus, sehr unmittelbar, seismographisch, zeitnah und fernab von der Zensur auf gesellschaftliche Probleme und Entwicklungen reagieren zu können.

„Face to Face“ möchte damit nicht nur das zunehmend durch Fundamentalismus und Terrorismus verzerrte Bild islamischer Länder revidieren, sondern auch unsere orientalistischen Cliché-Vorstellungen, z.B. in Form von Haremsfantasien, dekonstruieren: Der Medienkünstler 2/5 BZ aus Istanbul zerlegt diese exotistischen Vorstellungsbilder in seiner VJ-Performance „No Turistik – No Egzotik“.

Die Sonderprogrammreihe „Face to Face“ ist eine Zusammenarbeit zwischen dem Kommunalen Kino Freiburg und der Europäischen Kurzfilmbiennale Ludwigsburg. Für die großzügige Unterstützung bedanken wir uns beim Institut für Auslandsbeziehungen, das mit Mitteln des Auswärtigen Amtes die Filmreihe gefördert hat. Unser Dank gilt ebenso dem Internationalen Kurzfilmfestival Hamburg, insbesondere Kirsten Herfel und Melanie Struck, die uns inhaltlich und organisatorisch sehr geholfen haben. „Face to Face“ schließt an den „Focus Iran“ an, der im Rahmen des diesjährigen Hamburger Kurzfilmfestivals stattgefunden hat. Vor allem wollen wir uns bei allen FilmemacherInnen, Produktions- und Verleihfirmen bedanken, die uns ihre Filme zur Verfügung gestellt haben.

Neriman Bayram, Ulrich Wegenast

Programm...

 


 

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Zuletzt bearbeitet am 30.08.2005 © vivasoft1997-2005 Schreib mal wiederinfo@vivasoft.de