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»BROT, FRIEDEN, FREIHEIT« | FRANKREICH IM FILM DER FRONT POPULAIRE

Der am Fließband hantierende Arbeiter, der unbesorgte Landstreicher oder der mit einem Millionengewinn ausgestattete Arbeitslose sind Figuren, die in den Filmen der Front Populaire die französischen Leinwände bevölkerten. Während Regisseure wie Jean Renoir und Marcel Carné als Vertreter des poetischen Realismus die düstere Stimmung der von Geld und Machtverhältnissen korrumpierten menschlichen Beziehungen in einem entfremdeten Arbeitsalltag nachzeichneten, fingen René Clair und Julien Duvivier die optimistische Stimmung der Bevölkerung mit der Kamera auf. Außerdem stellten sie die Projektionsflächen und Wunschvorstellungen des Arbeiter- und Kleinbürgermilieus dar, die sich nicht nur um den großen Lottogewinn, sondern auch um eine neue Arbeitsform – die selbst verwaltete Kooperative – drehten. Die Kritik an den bestehenden Verhältnissen reihte sich also an ein beschwingtes Phantasieren über die schönen Seiten des Lebens und die festliche Stimmung, die auch real während der von der C.G.T.U. organisierten Generalstreiks erfahren wurden.

Das Motto des Bündnisses der Linksparteien in Frankreich, der Front Populaire lautet: »Pain, Paix, Liberté« (Brot, Frieden, Freiheit). Viele Intellektuelle und Künstler begeistern sich für das Bündnis. In ihren Filmen und in der Musik setzten sich Regisseure und Komponisten mit ihrer Gegenwart auseinander und dokumentierten die Ereignisse im Frankreich der 30er Jahre.

 

BESTIE MENSCH · ROMAN EINES SCHWINDLERS · PARIS TANZT · DER TAG BRICHT AN ·

 


 

BESTIE MENSCH

LA BÊTE HUMAINE

| Frankreich 1938 | OmeU | 100 Min. |
Regie und Buch: Jean Renoir, nach dem Roman »Der Totschläger« von Emile Zola | Kamera: Curt Courant Schnitt: Marduerite Renoir, Suzanne de Troeye mit Jean Gabin, Julien Carette, Fernand Ledoux, Jean Renoir, Gérard Landry u.a.

 

In seiner Filmkritik zu LA BÊTE HUMAINE schrieb der französische Historiker Georges Sadoul am 5.1.1939 begeistert in der Zeitung »Regards«: »Das Kino hat noch kein universelles Genie hervorgebracht wie die Literatur. Aber vielleicht hat es jetzt seinen Zola: Jean Renoir.«

Rabeaux ist Chef einer Eisenbahnstation. Er wünscht sich nichts sehnlichster als eine glückliche Ehe mit seiner geliebten Frau. Doch kann er ihr finanziell nichts bieten. Das Paar lebt in einer kleinen Wohnung direkt am Bahngleis, nur der Kanarienvogel auf dem Balkon versprüht mit seinem vergnügten Piepsen ein wenig Fröhlichkeit in der Tristesse. Séverine, die Frau Robeaux‘, ist nebenbei noch die Liebhaberin eines sehr reichen Adligen, der ihr einige materielle Wünsche ermöglicht. Als Robeaux davon erfährt, plant er den Mord an dem reichen Nebenbuhler. Trotz der exponierten Rolle Robeaux ist doch eigentlich der von Jean Gabin verkörperte Lantier die Hauptperson, der als Maschinist in Lokomotiven arbeitet und in die Welt der Eisenbahn einführt. Nicht nur die dokumentarisch anmutenden Fahrten auf der Lokomotive, auch den Arbeiteralltag in den Bahnhallen hat Renoir realistisch und gleichzeitig in poetischen Bildern eingefangen, um eine kausale Verbindung zwischen den schweren Arbeitsbedingungen, dem fehlenden Geld und der Entwicklung der »Bestie Mensch« herauszustellen. Dazu bemerkte Sadoul, dass der Film Renoirs in manchem die Literaturvorlage Zolas überflügelte und André Bazin, Filmkritiker und Wegbereiter der »Nouvelle Vague«, meinte: »Renoir interessiert sich bei aller Verschiedenheit seiner sozialen Figuren immer nur für dieselbe moralische Wahrheit, weil der gesellschaftliche Realismus für ihn nur ein Weg ist, die Grundgestalt des Menschen und seiner Probleme aufzuspüren und zu befragen. Renoir ist ein Moralist.«

| Do 12.05., 19:30, ciné club: Einführung: Ludovic Gourvennec und Mathias Schillmöller |

 


 

ROMAN EINES SCHWINDLERS

LE ROMAN D´UN TRICHEUR

| Frankreich 1936 | OmeU | 80 Min. |
Regie: Sacha Guitry | mit Sacha Guitry, Jacqueline Delubac, Roger Duchesne, Gaston Dupray u.a.

 

 

Neben solchen Themen wie geringem Lohn, Arbeitslosigkeit, Streikversammlungen und Armut, die leitmotivisch in den während der Front Populaire gedrehten Filmen aufgegriffen werden, schufen die Regisseure auch Projektionsflächen. Das kleine Fürstentum Monaco mit seinem auf dem Casino beruhenden Reichtum, ebenso wie der Gewinn im Glücksspiel oder in der Lotterie, zeigen die Sehnsucht nach materiellem Wohlstand ohne geißelnde Arbeit auf. Sacha Guitry hat einen Film geschaffen, in dem ein professioneller Schwindler und Spieler seine Lebensgeschichte erzählt, die sich unter anderem in Monaco abspielt. Dieser Schwindler hat aufgrund seiner bereits im Kindesalter gemachten Erfahrungen eine eigene Lebensphilosophie entwickelt: Immer dann, wenn er log, gewann er und hatte Glück; immer dann, wenn er die Wahrheit sagte, verlor er oder hatte Pech. Also entschloss er sich dazu, seine Fähigkeiten als Schwindler zu seinem Beruf zu machen. Nun erzählt er linear und humorvoll sein Leben in der Rückblende.

Siegfried Kracauer bemerkte dazu am 29.8.1936 in der Neuen Zürcher Zeitung: »Auf diese Weise erhält der Film eine außerordentliche Gelenkigkeit und wird dazu befähigt, das Zusammenhanglose zu bewältigen. Schon jetzt duldet es keinen Zweifel, dass die von Guitry kreierte Gattung, richtig ausgebaut, den Spielfilm um eine wichtige Variante bereichern wird.«

| Do 19.05., 19:30 | So 22.05., 19:45 |

 


 

PARIS TANZT

LE 14 JUILLET

| Frankreich 1932 | OF | 92 Min. |
Regie: René Clair | mit Pola Illery, Annabella, Raymond Cordy

 

 

Der 14. Juli ist in Frankreich der wichtigste Nationalfeiertag und war zu Zeiten der Front Populaire ein wirkliches Volksfest, mit dem sich die Anhänger des linken Parteienbündnisses – wenn man den Dokumentarfilmen Glauben schenken darf, fast ganz Paris – selber feierten. Von dieser positiven Grundstimmung ist Clairs Film erfüllt, in dem die Bewohner der Stadt fast wie in einer Collage, die nur durch eine kleine Liebesgeschichte zwischen einem Blumenmädchen und einem Chauffeur zusammengehalten wird, beobachtet werden. Wie ein Flaneur begibt sich Clair unter die Menschenmenge und sammelt Szenen ein, die das Leben unter den Dächern von Paris voller Einfallsreichtum wiedergeben. Im Gegensatz zu der Schwermut der Filme von Marcel Carné und auch bedingt von Jean Renoir, haben Clairs Werke einen Hauch von Unbeschwertheit, der für die Stimmung unter der Volksfront Regierung durchaus authentisch zu sein scheint.

Zu dem Film schrieb Siegfried Kracauer: »Als musischer Müßiggänger verweilt Clair in Concierge-Logen und bei spielenden Kindern, folgt der sonderbaren Erscheinung einer Bürgerfamilie lang mit den Blicken nach, entzückt sich am Gewühl der Tanzenden und schlürft genießerisch das Bild einer Kneipe. Die Beziehungen zwischen den Zimmerinterieurs, Fassadenschildern und Straßenperspektiven werden in bezaubernden Improvisationen ausgekostet. Clair beweist wieder einmal, über welches außerordentliche filmische Talent er verfügt.«

| Di 24.05., 19:30 |

 


 

DER TAG BRICHT AN

LE JOUR SE LÈVE

| Frankreich 1939 | OmU | 84 Min. |
Regie: Marcel Carné | Buch: Jacques Viot Dialoge: Jacques Prévert | Kamera: Raimon d’Voinquel mit Jean Gabin, Arletty, Jules Berry, Jacqueline Laurent u.a.

 

 

Als der nächste Tag anbricht, ist er für Jean Gabin – auch hier wieder als Protagonist – bereits gelaufen. In seiner kleinen Wohnung, an dem kleinen Platz eines Industrievorortes von Paris, hat er sich verbarrikadiert, um der Polizei zu entkommen. Während er sich dort verschließt, werden in Rückblenden die Ereignisse aufgezeigt, die ihn in diese Situation brachten. In erster Linie geht es um eine unglückliche Liebe, um zwischenmenschliche Beziehungen, die durch Armut, Ausbeutung und Abhängigkeit gekennzeichnet sind.

In Carnés Film klingen düstere Stimmungen an. Von der fröhlichen Phase der Front Populaire ist in diesem 1939 entstandenen Film nichts mehr zu spüren. Alle Illusionen von der Überwindung existenzieller Nöte und wahrer Menschlichkeit sind angesichts des drohenden Krieges und des gescheiterten Experiments der Volksfront-Regierung unter Léon Blum vergangen. Trotzdem schimmert auch in diesem Film noch etwas von der Sehnsucht nach dem großen Glück zwischen Fabrikschloten und Großmaschinen durch. Die Poesie wird durch ein Blumenmädchen verkörpert, das sich auf ein Fabrikgelände verirrt und dort den Arbeiter Gabin kennen lernt.

| Di 31.05., 19:30 | Mi 01.06., 21:30 |

 


 

Die Filmreihe wird im Juni mit À NOUS LA LIBERTÉ und LE DERNIER MILLARDAIRE fortgesetzt.

In Zusammenarbeit mit dem Centre Culturel Français Freiburg, dem BUREAU DU CINÉMA, Berlin und dem Zeughaus-Kino Berlin nach einer Idee von Regina Aggio.

 


 

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Zuletzt bearbeitet am 29.04.2005 © vivasoft1997-2005 Schreib mal wiederinfo@vivasoft.de