Kommunales Kino im alten Wiehrebahnhof
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Werkschau - Andrej Tarkowskij

September 2002
Iwans Kindheit

Oktober 2002
One Day in the Life of Andrei Arsenevich · Die Walze und die Geige · Der Spiegel

November 2002
Andrej Rubljow · Nostalghia

Dezember 2002
Solaris · Stalker · Das Opfer


 


 

Iwans Kindheit

(Iwanowo Djewstwo)

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: Wladimir Bogomolow & Michail Papawa, nach einer Erzählung von W. Bogomolow; Kamera: Wadim Jussow; Musik: Wjatscheslaw Owtschinnikow; mit Kolja Burljajew, W. Subkow. E. Sharikow, S. Krylow, N. Grinko
UdSSR 1962 DF / 95 Min.

 

Tarkowskij schildert die Zerstörung einer Kindheit durch den Krieg. Der 12-jährige Iwan (sein Vater ist gefallen, die Mutter verschollen) stößt während des Zweiten Weltkrieges im Dnjepr-Gebiet zur Roten Armee und betätigt sich als Späher sowie als Kurier zwischen Roter Armee und Partisanen; er widersetzt sich allen Versuchen, ihn ins Hinterland zu schicken. Eines Tages kehrt er von einem Erkundungsgang hinter die feindlichen Linien nicht zurück. IWANS KINDHEIT ist ein Kriegsfilm (oder Antikriegsfilm) ungewöhnlicher Art: ständig überlagert sich in ihm das manifeste Geschehen mit Träumen, Erinnerungen, Phantasien. Ein imaginärer Bereich entfaltet sich, der meist aus Gegenbildern zur Wirklichkeit besteht, Bildern der vom Krieg nicht tangierten Kindheit, Erinnerungen an die Mutter und Schwester, in denen sich Projektionen des Glücks mit unheimlichen surrealistischen Chiffren vermischen. IWANS KINDHEIT läßt schon spezifisch tarkowskijsche Leitmotive erkennen: die Pferde, das Wasser, der Rückgriff auf Elemente der Filmgeschichte. Tarkowskij liefert mit IWANS KINDHEIT die Geschichte eines Charakters, der vom Krieg geboren und von ihm verschlungen wird; gleichzeitig ist der Film aber auch das Manifest einer neuen poetischen Kinematographie.

Sa., 28.9., 22.00 / So., 29.9., 20.00 / Mi., 2.10., 22.00

 


 

One Day in the Life of Andrei Arsenevich

Regie: Chris Marker
F 2000, OmeU / 55 Min.

In seinem Tagebuch von 1986 kommentiert Tarkowskij die Filmaufnahmen von der Ankunft seines Sohnes Andriusha in Paris so: "Ich wirke furchtbar gehemmt, unnatürlich. Ich unterdrücke meine Rührung und rede ständig dummes Zeug. Larissa [Tarkowskijs Frau] wirkt auch nicht schlecht, sie führt Selbstgespräche, redet in Trinksprüchen, lacht und weint zur gleichen Zeit." Wir beginnen mit diesem sehr russischen Tag.

Daran knüpfen sich die Evokationen, die Zitate, die perspektivische Entführung von dem, was die Sprache eines der größten filmischen Stilisten ausmacht. Betrachtet vom Gesichtspunkt der großen Themen Tarkowskijs und seiner einzigartigen Handschrift, führen uns die Filme weit zurück bis zu seinen ersten Studienarbeiten in Moskau und dem praktisch unbekannten Boris Godunow, den er 1983 in Covent Garden inszenierte.

Diese Struktur ergab sich von selbst, und zwei andere Videoaufnahmen lieferten ihr die Grundlage: der Besuch der natürlichen Dekors von DAS OPFER in Gotland einige Monate früher, als Tarkowskij noch nichts von seiner Krankheit wusste, und jene Aufnahmen, die er sich als ein Zeugnis seiner Arbeit wünschte, als er kurz vor seinem Tod den Schnitt von seinem Bett aus leitete.

Do., 3.10., 20.00 / Fr., 4.10., 22.00 zusammen mit Die Walze und die Geige

 


 

Die Walze und die Geige

(Katok i skripka)

Regie: Andrej Tarkowskij
UdSSR 1961 OmU / 46 Min.

Der 7-jährige Sascha lebt in einem Moskauer Mietshaus. Von den anderen Kindern wird er oft gehänselt, vor allem, weil sein Hobby nicht Fußball und Raufen, sondern Geigenspielen ist. Auf dem Heimweg vom Vorspielen bei seiner Geigenlehrerin lernt Sascha den Dampfwalzenfahrer Sergej kennen. Sie verbringen einige Stunden miteinander; Sascha lernt von Sergej, wie eine Dampfwalze funktioniert, und kann umgekehrt dem Arbeiter einiges über die Geigenkunst erzählen. Zwischen den beiden völlig unterschiedlichen Menschen entwickelt sich an diesem Nachmittag eine Freundschaft.

Bereits in diesem Frühwerk entfaltet sich die unverwechselbare Bilderwelt des Tarkowskij-Kinos: lange, intensive Beobachtung der Figuren, symbolträchtige Einstellungen von fallenden Äpfeln, fließendem oder tropfendem Wasser, abgeschlossene, höhlenähnliche Räume als Orte der Kontemplation.

Do., 3.10., 20.00 / Fr., 4.10., 22:00 / Fr., 11.10., 20.00 / Sa., 12.10., 20.00 / Mi., 16.10., 22.00

 


 

Der Spiegel

(Serkalo)

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: A. Tarkowskij & A. Mischarin; Kamera: Georgi Rerberg; Musik: Eduard Artemjew; mit Margarita Terechowa, I. Danilzew, L. Tarkowskaja u.a.
UdSSR 1975 OmU / 105 Min.

 

DER SPIEGEL ist ein kompliziertes, verschlüsseltes Werk, das den Zuschauer zunächst in einen Irrgarten von Bezügen führt. Tarkowskij erzählt die Geschichte eines Mannes, der erwägt, sich von seiner Frau zu trennen, wobei die Frage entsteht, was aus dem 12-jährigen Sohn der beiden werden soll.

Hinter dieser ersten wird aber eine zweite sichtbar: Das ist die Erinnerung des Protagonisten an seine eigene Kindheit, die eine merkwürdige Spiegelung seiner jetzigen Situation zu sein scheint. Seine Mutter besitzt die gleichen Züge wie seine Ehefrau. Die Spiegelung des Erlebens zweier Generationen aneinander und ineinander ist sozusagen der Komplex, von dem der Held nicht loskommt, in den auch die geschichtliche Dimension einbezogen wird.

So., 20.10., 20.00 / Do., 24.10., 22.00 / Sa., 26.10., 18.00

 


 

Andrej Rubljow

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: A. Tarkowskij, A. M.-Kontschalowskij; Kamera: Wadim Jusow; Musik: W. Owtschinnikow; mit Anatolij Solonizin, Iwan Lapikow u.a. UdSSR 1966-69 OmU /185 Min.

 

ANDREJ RUBLJOW ist das genaue Gegenteil einer illustrierten Biografie. Zwar schildert der Film verschiedene Episoden aus dem Leben des mittelalterlichen Ikonenmalers Andrej Rubljow (1360-1430), beschreibt er seinen alltäglichen Kampf und seinen persönlichen Werdegang, der gekennzeichnet ist von Phasen des Zögerns, des Infragestellens, der metaphysischen Selbstzerfleischung, des Kampfes zwischen Zweifel und Glauben. All das zeigt der Film jedoch vor allem, weil Rubljow ein Zeuge seiner Epoche war, ein Zeuge der Willkür, der Ungerechtigkeit, der Tyrannei, der Angst, der Denunziation, des Verrats der Adligen etc... Eine ganze Epoche gewinnt in dem Film Leben als eine machtvolle, leidenschaftliche und empfindsame Beschwörung, meisterlich orchestriert durch einen Cinéasten, dessen bildlicher und plastischer Inspiration es gelingt, jeder Einstellung die naive Schönheit und die fantastische Bewegung der 'primitiven' Fresken oder der Gemälde Breughels mitzuteilen

Do., 28.11., 19.30 / So., 1.12., 19.30 / Do., 5.12., 19.30

 


 

Nostalghia

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: A. Tarkowskij & Tonino Guerra; Kamera: Giuseppe Lanci; Musik: Claude Debussy, Giuseppe Verdi, Richard Wagner; mit O. Jankovskij, D. Giordano, E. Josephson u.a. Italien 1983 DF / 130 Min.

 

Tarkowskijs vielschichtiger Film über den Verlust von Heimat und kultureller Identität bedient sich für den äußeren Handlungsrahmen eines sowjetischen Kunsthistorikers namens Andrej Gorciacov, der in Italien auf den Spuren eines vor 200 Jahren aus Rußland gekommenen Musikers reist. Andrej arbeitet an einer Biografie des Komponisten. Seine Recherchen und den Verlauf der Reise durchwebt Tarkowskij mit Erinnerungen und Visionen, mit Bildern, Motiven und Zitaten aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Eine Zeitlang wird Andrej von der Italienerin Eugenia begleitet, die ihm mehr sein möchte als nur Dolmetscherin. Andrejs Begegnung mit einem faszinierenden Sonderling, dem für verrückt erklärten Mathematiker Domenico, wird zu einem zentralen Ereignis.

Sa., 2.11., 20.00 / Fr., 8.11., 22.00 / Do., 21.11., 19.30 Sa., 23.11., 17.45

 


 

Solaris

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: A. Tarkowskij & Friedrich Gorenstein, nach dem Roman von Stanislaw Lem; Kamera: Wadim Jussow; Musik: Eduard Artemjew; mit Donatas Banionis, Natalia Bondartschuk
UdSSR 1972 OmU / 170 Min.

 

Verfilmung des 1961 entstandenen utopischen Romans des polnischen Autors Stanislaw Lem. In einer Raumstation, die den Planeten Solaris erforschen soll, begegnen Wissenschaftler ihrer eigenen Vergangenheit, stehen sich selbst gegenüber und sind den Auseinandersetzungen mit dem eigenen Ich nicht gewachsen. Eine irritierende Meditation über die Bedeutung von Wissenschaft und Glauben, in gewissem Sinn eine Antwort auf das technologische Heldentum Stanley Kubricks in 2001.

Noch kein Film hat so gut wie Solaris die komplexen Feinheiten moderner Science Fiction eingefangen, durch die Vermischung von Zeit und Erinnerung, die Darstellung der Unruhe und durch die Betonung von Eleganz und Stil. Die blendend fotografierte Raumstation, vollgestopft mit barockem, widersinnigem Mobiliar, ist ein hervorragend gestaltetes Labyrinth nicht kalkulierbarer Panik, ein erinnerungswertes Symbol des in Unordnung geratenen menschlichen Verstandes.

Sa., 7.12., 19.30 / So., 8.12., 17.30 / Di., 10.12., 21.30

 


 

Stalker

Regie: Andrej Tarkowskij; Buch: Arkadi & Boris Strugazki, nach ihrer Erzählung Pichnick am Wegrand; Kamrera: Alexander Knjashinskij, N. Fudim & S. Nauglinych; Musik: Edurad Artemjew; mit Alissa Frenjindlich, Aleksandr Kajdanowskij, Anatolij Solonyzin, Nikolai Grinko u.a.
UdSSR 1979 OmU / 163 Min.

 

Der "Stalker" ist ein Führer, der zwei Kunden, einen Schriftsteller und einen Wissenschaftler, in das verbotene Territorium der "Zone" eskortiert, wo vielleicht vor längerer Zeit ein Meteorit niederging, und in deren Zentrum sich angeblich ein Raum befindet, dessen Betreten die geheimsten Wünsche in Erfüllung gehen oder sich materialisieren lässt.

STALKER ist eine Reise ins Imaginäre, in eine "Zone" des Schweigens und der Unsicherheiten. Tarkowskijs großes, pessimistisches Poem, sein "film philosophique", hat dabei viel mit der Mystik und Metaphysik Dostojewskijs zu tun. Es sind surrealistische Stillleben - en detail oder als Landschaftstotalen -, es sind klaustrophobische Erkundungen in Tunnels oder in Ruinen, es sind vor allem aber Geräusche, die in die Stille fallen und das Faszinosum dieses Films ausmachen.

Sa., 14.12., 21.30 / So., 15.12., 17.30 / Do., 19.12., 21.30

 


 

Das Opfer

(Offret)

Regie & Buch: Andrej Tarkowskij; Kamera: Sven Nykvist; Musik: Johann Sebastian Bach, schwedische & japanische Volksmusik; mit Erland Josephson, Susan Fleetwood, Valérie Mairesse, Allan Edwall
Schweden / F 1985 DF/ 149 Min.

 

Ein Intellektueller, der sich auf eine schwedische Insel zurückgezogen hat, zieht angesichts einer angedeuteten atomaren Katastrophe eine radikale Konsequenz. Er bietet sich Gott als Opfer an, verstummt und zerstört alles, was er besitzt. Eine wort- und bildgewaltige poetische Vision, die dem Materialismus der Welt in der Forderung nach Opferbereitschaft eine von spiritueller Sehnsucht erfüllte Gegenwelt des Glaubens gegenüberstellt. In Bildern von großer Schönheit und rätselhafter Symbolik gelingt eine Verbindung von poetischer Filmsprache und philosophisch-religiösem Diskurs. Letzter Film von Andrej Tarkowskij (1932-1986).

Do., 26.12., 17.30 / Sa., 28.12., 21.30 / So., 29.12., 17.30



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