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Werkschau — Chantal Akerman

Würde sie sich selbst als Spielfilmfigur in ihre bisherige Arbeit einfügen, sähe das so aus: "Eine burleske Fiktion, eine burleske Figur, die gegen Türen rennt, Gläser umstößt, fehlerhaft Französisch spricht und sich fragt, wie sie zwischen dem Dokumentarfilm oder dem, was man Fiktion nennt, und zwischen dem Autorenfilm und dem kommerziellen Film ihren Weg finden kann, die ständig zwischen den Genres hin und her springt und doch immer wieder mit sich selbst konfrontiert ist." — So beschreibt die belgische Regisseurin Chantal Akerman sich selbst und ihre filmische Arbeit. Zwischen Dokumentarfilm und Fiktion, zwischen Komik und Tragik, häufig inspiriert von Autobiographischem, hat die 1950 in Brüssel als Tochter jüdischer Emigranten geborene Regisseurin ein filmisches Werk geschaffen, das mittlerweile über 30 kurze und lange Filme umfasst und stilistisch unverkennbar ist.

Eine besondere Stellung in ihrer Filmografie wie in der Filmgeschichte schlechthin nimmt ihr zum Klassiker gewordener Film JEANNE DIELMAN, 23, QUAI DU COMMERCE, 1080 BRUXELLES (Belgien 1975) ein. Er steht am Anfang einer kleinen Reihe, die wir im Juni und Juli zeigen und deren Anlass die Freiburger Erstaufführung von Chantal Akermans neuestem Werk ist : LA CAPTIVE (Die Gefangene), eine Adaptation von Marcel Prousts Roman "La prisonnière".

 

Jeanne Dielman, 23 quai du commerce — 1080 Bruxelles · Die Gefangene · Eine ganze Nacht · Histoires D’Amérique · Eine Couch in New York · Ich, du, er, sie

 


 

 

Jeanne Dielman, 23 quai du commerce — 1080 Bruxelles

Regie & Buch: Chantal Akerman; Kamera: Babette Mangolte; Schnitt: Patricia Graff; mit Delphine Seyrig, Jan Decorte, Henri Storck u.a.
Belgien/F 1975 OmU / 205 Min.

 

Drei Tage im Leben einer etwa 40jährigen verwitweten Frau, Mutter eines 16jährigen Sohnes, die auch als Gelegenheitsprostituierte arbeitet. Minutiös beschreibt der Film den ritualisierten Ablauf dieser Tage, das von der Frau perfekt organisierte und geregelte Leben, das emotionslos und formalisiert abläuft und weder spontane Entscheidungen noch Abweichungen zulässt. Am Ende des dritten Tages haben kleinste Störungen und Irritationen zur Eskalation geführt: die Frau hat einen Mord begangen. Das mit eindrucksvoller Konsequenz und Strenge entwickelte Porträt einer Frau, deren Dasein leer und entindividualisiert ist. Der von der hervorragenden Hauptdarstellerin geprägte Film erklärt sich weniger aus Handlung und Dialogen als aus dem Zwang seiner Bilder und den sich daraus ergebenden emotionalen Sogwirkungen.

Do., 6.6., 20:00 / Sa., 8.6., 20:30

 


 

 

Die Gefangene

(La Captive)

Regie: Chantal Akerman; Buch: Ch. Akerman, Eric de Kuyper; Kamera: Sabine Lancelin; mit Stanislas Merhar, Sylvie Testud, O. Bonarry u.a.
Frankreich 2000 OmU / 108 Min.

 

Paris: Ariane wohnt bei Simon. Simon hat eine sehr geräumige Altbau-Wohnung, wie ein Labyrinth wirken die endlos anmutenden Gänge mit ihren vielen Türen, und immer ist es ziemlich dunkel hier. Ariane ist irgendwie mit Simon auch verbandelt, doch hat sie noch anderes und andere im Kopf, erfindet harmlose Verabredungen und Unterrichtsstunden, um den skeptischen Simon zu beruhigen. Der geht ihr nach, beobachtet sie, lässt sie beobachten. Eine Abhängigkeit entsteht, ein Verhältnis, in dem keiner keinem traut und glaubt, eine Obsession mit fatalen Folgen.

So zeichnet Chantal Akerman, die hier auch Koautorin ist, ein Bild einer Liaison dangereuse, eines obsessiven Spiels, einer reziproken Trickserei, deren Nährboden Misstrauen und Besitzen-Wollen sind.

Do., 20.6., 22:00 / Fr., 21.6., 20:00 / So., 23.6., 18:00 / Mi., 26.6., 22:00

 


 

 

Eine ganze Nacht

(Toute une nuit)

Regie & Buch: Chantal Akerman; Kamera: Caroline Champetier; Schnitt: Luc Barnier; mit Aurore Clément, Pierre Forget, Michel Lussan u.a.
Belgien/F 1981/82 OmU / 90 Min.

 

Nachts öffnet sich plötzlich eine Tür. Eine Frau, die ihre Schuhe in der Hand trägt, wirft sich in die Arme eines Mannes. - In einem Café betrachtet ein Mann eine Frau, er steht auf, sie ebenfalls. Wie vom Blitz getroffen und ohne sich anzusehen umarmen sie sich und beginnen zu tanzen ohne ihre Umgebung wahrzunehmen. - Ein Telefon klingelt, ein Mann stürzt sich darauf, völlig außer Atem. - Ein langsamer Schwenk durchstreift die fiebrige Nacht. - Ein junges Mädchen zieht einen Mann an sich. - Eine aufregende Frau stößt eine Tür auf und stürzt die Treppe hinauf. - Ein Mann versucht eine Frau zu umarmen, die sich ihm widersetzt. - Zwei Menschen trennen sich. - Eine völlig aufgelöste Frau stürzt sich in ein Taxi. - In einer Stadt in einer heißen stürmischen Sommernacht lassen sich Männer, Frauen und Kinder voller Sehnsucht, zu allem bereit, vom Überschwang ihrer Gefühle, manchmal bis zur Besinnungslosigkeit wegtragen. Bis in die Morgendämmerung.

EINE GANZE NACHT, Bruchstücke wie Abschnitte einer Intensität, die fast alle mit Leidenschaft, mit verliebter oder sexueller Spannung und immer mit Gefühlen zu tun haben.

Sa., 29.6., 20:00 / So., 30.6., 21:00 Uhr

 


 

 

Histoires D’Amérique

(Food, family and philosophy)

Regie & Buch: Chantal Akerman; Kamera: Luc Ben Hamou; Schnitt: Patrick Mimouni; Musik: Sonia Wieder Atherton, Roy Nathanson; mit Mark Amitin, Eszter Balint, Stefan Balint, Kirk Baltz, Bill Bastiani Frankreich/Belgien 1988 OmU / 97 Min.
 
Vom East River her nähert man sich langsam der vernebelten Skyline von Manhattan. Aus dem Off eine verlorene Stimme, die die Geschichte eines jüdischen Gebetes erzählt. Über die Jahrhunderte hinweg von Generation zu Generation überliefert, verliert es immer mehr von seinen Ursprüngen, ohne indes an Substanz einzubüßen. Chantal Akermans Film begibt sich auf die Suche nach der Überlieferung, die aus dem Inferno des Holocaust in jenes gelobte Ghetto hinübergetragen wurde, das den Überlebenden New York ist. Erzählungen, Dialoge, Spielszenen bis hin zur Kleinstform des jüdischen Witzes, vermitteln in jener unnachahmlichen Mischung aus Tragik und Komik, die die jüdische Kultur prägt, ein Lebensgefühl der Davongekommenen. Ein Lebensgefühl, das Ursprünge verdrängt, wie es der Eingangstext nahelegt, und sich in Leere und Unbehaustsein einzurichten hat. Sa., 6.7., 20.00 / So., 7.7., 18.00 / Di., 9.7., 22.00

 


 

 

Eine Couch in New York

Regie: Chantal Akerman; Buch: Chantal Akerman, Jean-Louis Benoît; Kamera: Dietrich Lohmann; Schnitt: Claire Atherton; Musik: Sonja Wieder-Atherton; mit Juliette Binoche, William Hurt, Stephanie Buttle, Barbara Garrick Frankreich/Belgien/D 1996 DF / 109 Min.
 
Ein Psychiater aus New York und eine Tänzerin aus Paris tauschen für einige Wochen ihre Wohnungen. Während sich die lebensoffene Béatrice Saulnier im Luxusapartment in Manhattan sofort einlebt und wohl fühlt, hat Dr. Henry Harrison mit einer schlampigen Hütte, wo schon mal die Wasserleitung platzt, so seine Schwierigkeiten. Er kehrt unangekündigt zurück und erlebt, wie die flotte Béatrice inzwischen seine depressiven Patienten zu beschwingten Sorgenerzählern gemacht hat. Vor lauter Staunen bringt der verschlossene Seelenklempner kein Wort heraus, wird für einen Klienten gehalten und liegt selbst auf der Couch. Die beiden verlieben sich ineinander. Aber es braucht geraume Zeit, bis sie sich finden. Eine leise, zart, fast zerbrechliche Liebesgeschichte, zusammengehalten durch zwei exzellente Schauspieler. Do., 11.7., 22.00 / Sa., 13.7., 22.00 / So., 14.7., 20.30

 


 

 

Ich, du, er, sie

(Je, tu, il, elle)

Regie & Buch: Chantal Akerman; Kamera: Bénedict Delesalle; Schnitt: Luc Freche; mit Chantal Akerman, Claire Wauthion, Niels Arestrup Belgien 1974 OmU / 90 Min.
 
Die episodisch gegliederte Geschichte einer einsamen jungen Frau, die sich, völlig mit sich selbst beschäftigt, in einem kahlen Zimmer einrichtet, tagelang Briefe an eine imaginäre Person schreibt, sexuelle Erlebnisse mit einer Freundin und einem Lastwagenfahrer hat. Ein pessimistisches Bild gestörter menschlicher Beziehungen aus feministischer Sicht — in langen Einstellungen und einem langsamen Erzählrhythmus entwickelt; Chantal Akermans Erstlingswerk. Di., 16.7., 20.00 / Mi., 17.7., 22.00 / Do. 18.7., 22.00, Fr., 19.7., 20.00
 

 


 

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