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kino avantgarde

Oktober | November 2005

Touching Politics

Die Reihe Touching Politics kombiniert (Kurzfilm-)Klassiker der filmischen Avantgarde mit selten gezeigten und wieder zu entdeckenden experimentellen und dokumentarischen Filmen, die eine beispielhafte Synthese zwischen künstlerischer Vision und politischem Engagement, zwischen persönlichem Anliegen und formaler Brillanz, Sinnlichkeit und Wahrnehmung darstellen.

Ein Schwerpunkt dieser Reihe sind Kurzfilme, die als Mittel zur politischen Agitation und Aufklärung dienten. So schafften tragbare 16mm-Kameras und Synchronton in den 60er Jahren erst die technischen Voraussetzungen, um klassenkämpferische und antiimperialistische Standpunkte schnell und direkt durch Filme verbreiten zu können.

Einen weiteren Schwerpunkt bilden Filme, die auf weitestgehend tabuisierte Inhalte abzielen, vor allem in Verbindung mit der Darstellung von Sexualität. In diesem Zusammenhang stellte sich immer wieder die Frage nach der Abbildbarkeit von Wirklichkeit außerhalb gesellschaftlich produzierter Macht- und Repräsentationsverhältnisse.

Mit den fünf Programmen, die unter thematischen Gesichtspunkten zusammengestellt wurden, bietet sich die Gelegenheit, ein Wiedersehen mit Filmen von herausragenden Experimentalfilmern wie Hans Richter oder Peter Weiss zu feiern.

Kuratiert wird die Reihe von Florian Wüst, Künstler und Kurator zahlreicher Experimentalfilmprogramme. Wir freuen uns, ihn zu unserem Auftaktabend am 11. Oktober um 19.30 Uhr, an dem wir zwei der Programme („Abbildungsverhältnisse“, „Aufklärung und Widerstand“) zeigen, begrüßen zu dürfen.

Reihenbegleitend gibt es ein Programmheft, das kostenlos an der Kasse ausliegt.

 


 

Programmübersicht

 


 

Florian Wüst (Kurator)

Florian Wüst, geb. 1970 in München, ist Künstler und Kurator für experimentellen Film und Videokunst. Er studierte Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig und besuchte das Master of Arts Programm der Willem de Kooning Academie Rotterdam.

Bisherige kuratorische Projekte u.a. Katastrophe, Sonderprogramm der 48. Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen (2002); Alternative Histories of Modern Conflict, Impakt Festival, Utrecht (2003); Ecstatic Bodies, Independent Film Show 3rd Edition, E-MArts/Fondazione Mõrra, Napoli (2003)^ Domestic Insomnia, Video Mündi, Chicago Cultural Center (2004); 6. Werkleitz Biennale Common Property/Allgemeingut, Halle (Saale) (Ko-Kurator) (2004); City of Ruins, Circa Benin, Nikolaj, Copenhagen Contemporary Art Center (2005)

 


 

Programm 1

Abbildungsverhältnisse

MASS FOR THE DAKOTA SIOUX Bruce Baillie USA 1963/64,
REPORT Bruce Conner USA 1963/67,
ROHFILM Wilhelm + Birgit Hein BRD 1968,
NOW! Santiago Alvarez Kuba 1965,
PERFECTFILM Ken Jacobs USA 1986

 

Die Filme dieses Programmes beschreiben Lebensgefühle der 1960er Jahre zwischen der existentiellen Bedrohung durch Krieg und Rassismus und der Suche nach künstlerischer Radikalität im Umgang mit Film und Wirklichkeit. Unter dem Einfluss des Fernsehens avancierten politische Ereignisse zu Medienspektakeln, die Ermordung von John F. Kennedy 1963 mag hierfür als Symbol gelten. Diese Flut der täglichen Bilder wurde besonders im Found Footage Film aufgegriffen, der sezierenden Hand der FilmemacherInnen unterworfen und somit zum Gegenstand der Kritik an einer seelenlosen Konsumkultur verarbeitet.

Mass for the Dakota Sioux

Bruce Baillie, USA, 16mm, 1963-64, 20', s/w, engl. OF

--- Ich habe keine Chance zu überleben, Mutter, Du kannst ebenso trauern. (Sitting Bull, Sioux Chief)

„Beifall für eine einsame Figur, die auf der Strasse stirbt. INTROITUS. Eine lange, schwach belichtete Sequenz, in der Kamera geschnitten. KYRIE. Ein Motorradfahrer überquert die San Francisco Brücke, begleitet von Gregorianischen Gesängen. GLORIA. Das Heulen einer Sirene und eine kurze Sequenz eines 33er Cadillacs, der über die Bay Bridge fährt und in einem Tunnel verschwindet. Der letzte Teil der Kommunion beginnt mit der OPFERUNG in einer Prozession aus Lichtern und Figuren. Die anonyme Person vom Anfang wird wiederentdeckt, tot auf dem Gehsteig. Die Leiche wird gesegnet und weggeschafft, vorbei an einer unbeteiligten, isoliert herumstehenden Menge. Die Messe ist traditionell ein Fest des Lebens; daher der Widerspruch zwischen der Form der Messe und dem Thema des Todes. Der Film ist den religiösen Menschen (Dakota Sioux) gewidmet, die von derjenigen Zivilisation ermordet wurden, die die Messe hervorgebracht hat.“ (Bruce Baillie)

Report

Bruce Conner, USA, 16mm, 1963-1967, 13', s/w, engl. OF

„Die Ermordung John F. Kennedys erschien durch die Art, wie sie vom Fernsehen dargestellt und verbreitet wurde, noch unfassbarer. Bruce Conner lebte damals in Brookline, dem Geburtsort Kennedys. Bis zur Fertigstellung der ersten Version von REPORT vergingen eineinhalb Jahre und es folgten sieben weitere Überarbeitungen, bis Conner das Geschehen ad acta legen konnte. In seiner kontinuierlichen Arbeit an REPORT schöpfte Conner aus dem, was mittlerweile zur unerschöpflichen Quelle seiner Bildsprache geworden war: Nachrichtensendungen, Dokumentationen und TV-Werbespots. Der innere Rhythmus erreicht hier eine neue Tiefe und bestärkt nicht nur die audiovisuelle Kritik an einem einzelnen Ereignis, sondern hinterfragt prinzipiell die Art, wie geschichtliche Ereignisse durch die Medien vermittelt werden.“ (Anthony Reveaux)

„Die Gesellschaft lebt von Gewalt, Zerstörung und Tod, egal wie sehr wir versuchen, dies durch makellos saubere Büros und durch die Anbetung moderner Wissenschaft zu verbergen, oder indem wir Märtyrer für den Augenblick erschaffen. Von der Stierkampfarena bis zur Arena des Atomkriegs verlangen wir lautstark das Spektakel der Zerstörung. Der entscheidende Zusammenhang in Conners REPORT ist, dass John F. Kennedy ebenso Teil des Zerstörungsspiels ist wie alle anderen auch.“ (David Mosen)

Rohfilm

W+B Hein, BRD, 16mm, 1968, 22', s/w, ohne Dialoge

„Birgit und Wilhelm Hein ging es nicht um weitere, sondern um andere Bilder, und dazu musste das Filmbild zunächst zerstört werden: 1968 entstand ROHFILM, ein reiner Materialfilm, für den ein Filmstreifen mit Teilen von gefundenen Bildern, Filmperforationen, Asche und anderen Abfällen beklebt und zerkratzt wurde. Das Ergebnis wurde durch einen Projektor gezogen, wobei zusätzlich Stellen des Filmmaterials verbrannten, und von der Leinwand abgefilmt. Die Empörung, die dieser Film hervorrief, ist heute kaum noch vorstellbar und lässt sich wohl vor allem dadurch erklären, dass ROHFILM nur eine subjektive Erfahrung als Erinnerung zulässt und keinerlei objektivierbaren Bilder.“ (Stefanie Schulte Strathaus)

„Das Publikum war sehr lebhaft, als wir ROHFILM mit voll aufgedrehtem Ton zeigten; sie schrien und klatschten während der letzten zehn Minuten, damit wir aufhörten, es war wahrer Terror.“ (W+B Hein in einem Brief an Alfredo Leonardi, 1969)

Now!

Santiago Alvarez, CUB, 16mm, 1965, 6', s/w, engl. OF

NOW! handelt vom Kampf gegen die Rassendiskriminierung in den USA. Santiago Alvarez montiert Wochenschaumaterial, Fotos von Lyndon B. Johnson und Bilder aus Comicstrips zu einer erschütternden Anklage. Als musikalisches Grundthema wählte er das in den USA verbotene Protestlied „NOW“, gesungen von Lena Horne.

Perfect Film

Ken Jacobs, USA, 16mm, 1986, 22', s/w, engl. OF

PERFECT FILM zeigt Muster von TV Nachrichtenmaterial von Augenzeugenberichten der Ermordung von Malcolm X im Februar 1965. Jacobs fand das Material in einem Eimer auf der Canal Street und kopierte es unbearbeitet – lediglich der Ton ist verstärkt.

„Eine Menge Filmmaterial ist von sich aus perfekt, so enthüllt es am Besten seine un- oder halbbewusste Form. Ich wünschte, mehr Kamera Footage wäre im Rohzustand erhältlich, als Primärmaterial, das allen zur Verfügung steht. Und damit es Anderen in genau dieser urspünglichen Form vorgeführt werden kann.“ (Ken Jacobs)

„Das Drama des Schocks enthüllt sich zunächst in dem lebhaften Bericht eines Journalisten, der im Auditorium gewesen war, dann in den schleppenden Antworten, die der Polizeichef den Reportern gibt. Die Geschichte verändert sich, der Mann von den Lokalnachrichten im Auditorium verbessert seine Story, er wächst mit ihrer Macht. Eine Menschenmenge steht um ihn herum, eine Hälfte hört konzentriert zu, die anderen sind auf die Kamera fixiert. Sicherlich besitzt der Film ein historisches Potential, aber vielleicht erkannte Jacobs ihn für seine finsterere Suggestionskraft, nämlich dass wir im Moment des Schocks vergessen und uns dem Geschichtenerzähler ergeben.“ (Genevieve Yue)

| Di 11.10., 19.30 Einführung und anschließende Diskussion: Florian Wüst/ Berlin |

 


 

Programm 2

Radikale Körper

MY NAME IS OONA Gunvor Nelson USA 1969,
OBLIVION Torn Chomont USA 1969,
NEAR THE BIG CHAKRA Anne Severson USA 1971,
T,O,U,C,H,I,N,G, Paul Sharits USA 1968,
SCORPIO RISING Kenneth Anger USA 1963

 

„Radikale Körper“ widmet sich in einer Mischung aus Poesie und Gewalt den großen Themen des Kinos: Sexualität und Tod. Feministischen Filmen wie Anne Seversons NEAR THE BIG CHAKRA oder Klassikern der Queer Cinemas wie Kenneth Angers SCORPIO RISING ging es dabei um die Überschreitung gesellschaftlicher Tabus und patriarchaler Muster, die in den 1960er Jahren in Bezug auf die Darstellung des weiblichen Körpers und das Verbot gleichgeschlechtlicher Liebe eng gesteckt waren. Neben der Tendenz zu Tabubruch, Emanzipation und Selbstbestimmung reflektiert das Programm das Anliegen des experimentellen Films, immer wieder die Grenzen der physischen und psychischen Wahrnehmungsfähigkeiten der BetrachterInnen auszureizen.

My Name Is Oona

Gunvor Nelson, USA, 16mm, 1969, 10', s/w, engl. OF

„Mit MY NAME IS OONA schuf Gunvor Nelson eine eindringliche und sehr lyrische Beschwörung der inneren und äußeren Welten ihrer Tochter. Der Film besteht aus einer Folge von Oona gesprochener, sich endlos wiederholender Wörter, die auseinandergenommen und mit einem Rhythmus versehen wieder zusammengesetzt sind. Neben dem von Steve Reich koproduzierten Soundtrack, loopt und überlagert MY NAME IS OONA Bilder des Mädchens beim Spielen und in besinnlichen Momenten; man sieht sie ein Pferd streicheln und später auch reiten, sich durch einen Wald von Bäumen bewegen, und öfters in die Kamera blicken. Der Film erzeugt ein eher verstörendes als ein idealisierendes Bild von Kindheit. Gunvor Nelson hat gesagt, dass sie kein normales ‚niedliches‘ Bild von Oona haben wollte: ‚Ich denke, dass darin ihre Welt und die Welt meiner Kindheit vermischt sind. Als Kind bist du in deiner eigenen Welt ziemlich sicher, aber der Rest ist sehr mysteriös und angsteinflößend; vielleicht warten da draußen Monster und Trolle, auch wenn du sie noch nie gesehen hast.‘“ (Steve Ankar)

Oblivion

Tom Chomont, USA, 16mm, 1969, 6', s/w und Farbe, stumm

Tom Chomonts Kurzfilm ist eine schimmernde Fantasie von Liebe und Begehren. Der schlafende Körper des Liebhabers, getränkt in Farbschattierungen und Körnungen, erzeugt eine äußerst sinnliche Erinnerung an einen sich zu Hause entfaltenden Tag.

„OBLIVION vermischt gekonnt Elemente des Poetischen mit dem Modus des Tagebuchs. Mit diesem Verfahren schuf Tom Chomont eines der wahrhaft erotischen Werke des Kinos.“ (J.J. Murphy)

Near the Big Chakra

Anne Severson, USA, 16mm, 1971, 17', Farbe, stumm

NEAR THE BIG CHAKRA zeigt auf gelassene Weise die Vaginen von 37 Frauen im Alter von drei Monaten bis 56 Jahren. Als Anne Severson den Film produzierte, bezeichnete sie ihn als Mösenfilm, um somit ‚Möse‘ als machtvolles Wort für Frauen zurückzugewinnen. Schließlich gab sie die Idee auf und entschied sich für NEAR THE BIG CHAKRA. Der Titel leitet sich vom zweiten Chakra (Körperenergiepunkte in der Philosophie des Yoga) ab, damals gemeinhin als das ‚Große Chakra‘ bekannt, welches zwischen Vagina und Anus direkt unter der Haut des Damms liegt.

„Der Film ist weder klinisch noch voyeuristisch und erlaubt mit seiner seltsamen Neutralität dem Publikum von der Vielfalt weiblicher Genitalien und letztendlich von ihrer Universalität gleichzeitig fasziniert und abgestossen zu sein.“ (Ms. magazine)

T,O,U,C,H,I,N,G

Paul Sharits, USA, 16mm, 1968, 12', Farbe, engl. OF

--- Dem Poeten David Franks gewidmet, der die Hauptrolle spielt und dessen Stimme auch auf der Tonspur erscheint / ein ent-schneidendes und ent-kratzendes Mandala.

„Reine Farbe und einige wenige Standbilder wechseln sich in einer Vielzahl von Permutationen ab. BetrachterInnen erleben den Film daher als konstantes und oftmals aggressives Flickern, das rhythmisch variiert und an den Grenzen der Wahrnehmung (und vermutlich der Toleranz) operiert. Die gefärbten Felder glätten die Leinwandfläche und Licht scheint im Kinoraum selbst konkret spürbar zu sein, wobei die Leinwandgrenze von Nachbildern pulsiert und sich verlagert. Ähnlich ist der geloopte Sound zunächst als ‚destroy‘ (zerstöre) hörbar und wird dann, endlos wiederholt, durch die Wahrnehmung der ZuschauerInnen in andere Worte transformiert. Die fortwährende Kraft des Films liegt teilweise jenseits seiner ‚formalistischen‘ Komponenten, wenn auch nicht unabhängig davon: in den widersprüchlichen Gefühlen, Erfahrungen und Ideen, die er hervorruft und derer sich Georges Bataille nicht schämen würde. Beides ist extrem aggressiv und zugleich in seiner Verwendung von Farbe positiv ekstatisch.“ (Simon Field)

Scorpio Rising

Kenneth Anger, USA, 16mm, 1963, 29', Farbe, engl. OF

SCORPIO RISING ist einer der revolutionärsten Filme der letzten Jahrzehnte. Er setzte einen völlig neuen Maßstab für das Filmemachen im Allgemeinen, durch seinen schnellen Schnittstil, die Rock'n Roll Montage, die rebellische Faszination der Motorradfahrer, Sex und Tod. Die Maschine als Totem, vom Spielzeug zum Terror. Thanatos in Chrom und schwarzem Leder. Teil I – Jungs & Schrauben. Teil II – Bildermacher. Teil III – Walpurgisfeier. Teil IV – Rebellenanstifter. Laut Kenneth Angers Erklärungen zu seinem berühmtesten (oder berüchtigsten) Kurzfilm, handelt es sich um eine ironische Interpretation von „The Wild One“ (1953), wobei der letztere im Vergleich zu diesem Film eine relativ zahme Motorradfabel darstellt. Tatsächlich geht es in SCORPIO RISING ausschließlich um Ironie, nichtsdestotrotz macht der Film durchaus beunruhigende Aussagen über den Zustand Amerikas vor der Love-Generation und der Dekadenz der 1970er. Während SCORPIO RISING zuweilen wie eine Persiflage auf die 1950er Jahre erscheint, kommentiert er den wachsenen Motorradkult der späten 1960er. Anger widmete den Film sogar den Hell's Angels.

| Di 25.10., 19.30 |

 


 

Programm 3

Aufklärung und Widerstand

ENLIGT LAG Peter Weiss & Hans Nordenström Schweden 1957,
LEHRER IM WANDEL Alexander Kluge BRD 1963,
LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER Etats generaux du cinema F 1968,
DIE WORTE DES VORSITZENDEN Harun Farocki BRD 1968,
L'AFFAIRE HURIEZ Iskra F 1975

 

„Aufklärung und Widerstand“ präsentiert dokumentarische und agitatorische Filme aus den Jahren 1957 – 1975, die zum Teil in kollektiven Produktionsprozessen entstanden sind. Die Produktions- und Verleihgemeinschaft Iskra, die 1974 aus der von Chris Marker initiierten Kooperative Slon hervorging, ist ein bedeutendes Beispiel für die Herstellung von unabhängigen und gesellschaftskritischen Filmen unter den Bedingungen einer kollektiven Autorenschaft. Dem Anspruch einer möglichst geringen Ästhetisierung folgend, beschreiben die Filme dieses Programmes soziale Konflikte und Lebenssituationen, in denen Einzelne gegen die Interessen und VertreterInnen staatlicher und gewerkschaftlicher Institutionen kämpfen.

Enligt lag

Peter Weiss & Hans Nordenström, SWE, 16mm, 1957, 18', s/w, schwed. OF

Text Vorspann: „Dieser Film wurde vom Staat zensiert. Wir, die den Film gemacht haben, wurden an unserer Meinungsfreiheit gehindert. Ihr, die Ihr den Film seht, von Euch wurde angenommen, dass Ihr durch gewisse Wirklichkeitsdetails Schaden nehmen könntet.“

Text Abspann: „Gerechtigkeit ohne Liebe ist Rache (Henry Miller).“

ENLIGT LAG (Im Namen des Gesetzes) schildert das Leben der Insassen eines Jugendgefängnisses in Uppsala: das Arbeiten im Garten, der Zellenschluss, die Mahlzeiten, die Zellenwände voller Bilder nackter Frauen, der Besuch der Damen einer Wohltätigkeitsorganisation, die beim Blick in eine Zelle meinen, dass es „denen ja gut zu gehen scheint.“ Mittendrin die Wachhabenden, wie Maschinen öffnen und schließen sie Schränke und Türen mit Schlüsseln. Nicht zuletzt das Kontrollieren der Briefe durch die Gefängnisleitung zeigt im Film das Ausgeliefertsein, die totale Nacktheit des Individuums.

„Wenn ich heute den Film nach 25 Jahren sehe – diese Schutthalde zu Anfang und Ende des Films, wo der Gefangene raufkriecht und nie hochkommt, dieser Sisyphus-Weg, das würde ich heute nicht mehr verwenden. Aber sonst: was wir erlebt haben, ist eigentlich ein ganz gewöhnlicher Alltag, nur in einem Milieu, das wir nicht kennen, das ganz abgeschlossen ist von der sogenannten Normalität, aber es ist Normalität für die, die über Jahre dort sitzen. Das haben wir geschildert. Was wir noch geschildert haben – das ist natürlich von der Zensur geschnitten worden –, ist die Sexualnot, die zum Beispiel deutlich wird in der Duschszene, wo man diese nackten Körper sieht, die sich einseifen, und die mit Tätowierungen bedeckt sind. Das hat eine starke Atmosphäre von Leben.“ (Peter Weiss, 1980)

Lehrer im Wandel

Alexander Kluge, BRD, 16mm, 1963, 12', s/w, dt. OF

Von großer Neugier geleitet, gräbt sich Alexander Kluge durch die Verwerfungen deutscher Geschichte und sammelt Lebenserfahrungen und Ereignisberichte des 20. Jahrhunderts, die er in Büchern, Filmen und Fernsehproduktionen weitergibt. In seinem frühen Kurzfilm LEHRER IM WANDEL skizziert er einen kurzer Abriss der Geschichte des Schulwesens von der Antike bis in die 1960er Jahre. In einer Collage aus dokumentarischem und historischem Material und anhand der Lebensgeschichten dreier Lehrer auf verlorenem Posten beschreibt Kluge die bildungsfeindliche Haltung der staatlichen Elite.

La Reprise du Travail aux usines Wonder

Etats généraux du cinéma, FR, 16mm, 1968, 10', s/w, frz. OmdtU

„LA REPRISE DU TRAVAIL AUX USINES WONDER (Die Wiederaufnahme der Arbeit in der Fabrik Wonder) ist ein Film, der sich auf eine kleine Episode beschränkt, aber zu den filmisch herausragendsten Zeugnissen des Mai '68 gehört. Der Film besteht praktisch aus einer einzigen Einstellung mit direktem Ton und ohne Kommentar. Er zeigt, wie vor dem Eingang der Glühlampenfabrik Wonder im Pariser Vorort Saint-Ouen eine junge Arbeiterin sich weigert, ihre Arbeit wiederaufzunehmen, obwohl die Gewerkschaften den Streik abgeblasen haben, wie sie ihre ganze Verzweiflung herausschreit und wie gleichzeitig zwei Gewerkschaftsfunktionäre der C.G.T. auf sie einreden, um ihr klarzumachen, dass die Arbeiterklasse soeben einen großen Sieg errungen hat.“ (Ulrich Gregor)

Die Worte des Vorsitzenden

Harun Farocki, BRD, 16mm, 1968, 2', s/w, dt. OF

DIE WORTE DES VORSITZENDEN ist ein einfacher Film über die Metapher, nach der aus Worten Waffen werden können. Diese Metapher wird ernst genommen: man sieht, wie man aus dem Papier der Mao-Bibel Waffen macht.

„Als der Film 1968 raus kam, konnte man ihn an den Unis zeigen und die Leute jubelten. Die fanden das irgendwie toll, weil das wie ein Werbespot für die Bewegung war oder wie ein Jingle im Fernsehen. Dann, Anfang der 70er Jahre, nur ein, zwei Jahre später, als das mit dem Maoismus vom Metaphorischen ins Ernste bzw. ins Wörtliche geglitten war, und die alle ihre Parteichen hatten, da herrschte so eine bittere Miene, und die fanden das unangemessen und ironisch. Vor allen Dingen setzte sich der sozialistische Realismus wieder durch. Filme mussten Massen zeigen, graue Menschenmengen, und durften nicht einfach abstrahieren.“ (Harun Farocki)

L'Affair Huriez

Iskra, FR, 16mm, 1975, 37', s/w, frz. OmdtU

„Infolge der Verhaftung seiner Mutter wegen einer nicht bezahlten Monatsrate für einen gemieteten Fernseher nahm sich der 14-jährige Thierry, Ältester von sechs Geschwistern, das Leben. ‚Es handelt sich um einen besonderen Fall‘, sagen die Behörden. ‚Wir haben Madame Huriez übrigens gleich danach freigelassen.‘ Dennoch ist in Frankreich und für die Regierung ein totes Kind wichtiger als ein lebendiges. ‚Diese sogenannten besonderen Fälle sind die Alltäglichkeit der Justiz‘, antworten Yvonne und René Huriez. ‚Drei Jahre Gefängnis für den Diebstahl von zehn leeren Flaschen; ein Jahr Gefängnis auf Bewährung für die Ausstellung einer halben Milliarde ungedeckter Schecks‘. Das sind zwei Beispiele (und noch andere Vorfälle werden im Film erwähnt), um die Regeln, nach denen diese Justizmaschinerie funktioniert, in ihrer ganzen Wirklichkeit zu erfassen. Aber die Justiz ist nur ein Glied in einer langen Kette sozialer Benachteiligungen und Ausgrenzungen, denen Yvonne und René in ihrem Kampf um Recht und Unabhängigkeit ausgesetzt sind.“ (Iskra)

| Di 11.10., 21.45 Einführung und anschließende Diskussion: Florian Wüst/ Berlin | | Di 29.11., 19.30 |

 


 

Programm 4

Jenseits der Worte

FILMSTUDIE Hans Richter D 1926,
STUDIE II (HALLUCINATIONER) Peter Weiss Schweden 1952,
CRITICAL MASS Hollis Frampton USA 1971,
KHALIL, SHAUN, A WOMAN UNDER THE INFLUENCE Sharon Lockhart USA 1994,
SALLY'S BEAUTY SPOT Helen Lee Kanada 1990,
ALPSEE Matthias Müller D 1994

 

Diese Zusammenstellung von künstlerischen Filmen aus mehreren Jahrzehnten thematisiert das Scheitern menschlicher Kommunikation und die Schwierigkeit, unter dem Einfluss persönlicher Erinnerungen und starrer gesellschaftlicher Normen eine eigenständige und in sich geschlossene Identität auszubilden. Ob in Form einer surrealistischen Collage oder mit den Mitteln eines experimentellen Kurzspielfilmes, die Filme in „Jenseits der Worte“ bestechen durch die präzise Komposition von Bild und Ton. In den traumhaften sowie traumatischen Szenen und Montagen geht es nicht zuletzt um das Gefühl des Fremdseins unter Menschen.

Filmstudie

Hans Richter, DE, 16mm, 1926, 4', s/w, ohne Dialoge

Hans Richters erster surrealistischer Film ist eine Mischung aus animierten geometrischen Formen, Linien und Lichtreflektionen mit Realaufnahmen von Objekten wie z.B. künstlichen Augäpfeln, die mit Hilfe von Prismen vervielfältigt wurden.

„Die Stimmung von Richters FILMSTUDIE ist lyrisch und poetisch bewegend. Seine Magie versetzt uns in eine Fantasiewelt, zwingt uns, mit offenen Augen zu träumen, während Objekte und Formen vorbeifließen, sich transformierend, wie durch eine Logik jenseits rationalen Verständnisses.“ (Standish D. Lawder)

Studie II (Hallucinationer)

Peter Weiss, SWE, 16mm, 1952 , 6', s/w, ohne Dialoge

In zwölf surrealistischen Szenen werden innere, widerstreitende Gefühle von Unruhe, Begierde und Spaltung dargestellt. Es gibt keine eigentliche Handlung, die fragmentarischen Bilder ordnen sich nach assoziativen, nicht restlos auflösbaren Prinzipien.

„Dass die Bilder dann doch eine starke psychologische Wirkungskraft haben, hängt sicher auch zusammen mit der Exilsituation: die wahnsinningen Diskussionen zum Beispiel, die vorkommen, wo sich zwei einander gegenüberstehen und eigentlich nur schreien und Laute hervorbringen, das sind Dinge, die natürlich mit dieser sowohl traumhaften wie traumatischen Situation der Fremdheit zu tun haben.“ (Peter Weiss)

„Die zweite Studie ist von 1952, als ich noch malte und anfing, Collagen zu machen. Der Film ist erst mit Zeichnungen entworfen worden, und dann haben wir die Einstellungen genau nach den Zeichnungen konstruiert. Weil da ja sehr viele Personen in einer Szene zusammenwirken, um mit ihren verschiedenen Gliedmaßen eine Figur zu bilden. Das war sehr kompliziert.“ (Peter Weiss im Gespräch mit Harun Farocki, 1981)

Critical Mass

Hollis Frampton, USA, 16mm, 1971, 24', s/w, engl. OF

„In CRITICAL MASS, dessen autobiografische Wurzeln der Filmemacher eingeräumt hat, streitet sich ein Paar über das kürzliche unerklärte Verschwinden des Mannes. Frampton zerstückelt den Streit in kurze Einstellungen, in denen jeweils das Ende der vorherigen wiederholt wird, bevor es weitergeht, wodurch das hoffnungslos zirkuläre Wesen solcher Streitgespräche verdeutlicht wird.“ (Fred Camper)

"Als Kunstwerk ist CRITICAL MASS meiner Meinung nach sehr universell; der Film handelt von allen Auseinandersetzungen (denen zwischen Männern und Frauen, zwischen Männern, zwischen Frauen, oder Kindern, oder vom Krieg). Es ist Krieg! Der Film ist eine der delikatesten und deutlichsten Stellungnahmen zu menschlichen Beziehungen und ihren Schwierigkeiten, die ich je gesehen habe. Er ist ziemlich komisch, und das sehr offensichtlich. Es ist ein magischer Film, weil man ihn jedes Mal, wenn man ihn sieht, mit zunehmendem Verständnis genießen kann.“ (Stan Brakhage)

Khalil, Shaun, A Woman under the Influence

Sharon Lockhart, USA, 16mm, 1994, 16', Farbe, engl. OF

Sharon Lockharts Debutfilm von 1994 besteht aus drei Teilen. Die Teile sind dadurch verbunden, dass sie das Fortschreiten einer Hautkrankheit zweier zehnjähriger Jungen zeigen, die sukzessive als Entwicklung eines gekonnt eingesetzten Special Effect Make-ups enthüllt wird. Vor farbigen Hintergründen gefilmt, zeigt der erste Teil Portraits der Jungen, die durch vorangehende Zwischentitel als ‚Khalil‘ und ‚Shaun‘ eingeführt werden. Der dritte Teil ist eine dramatische Sequenz, die auf einer der letzten Szenen in John Cassavetes' Film „A Woman under the Influence“ (1974) basiert. Lockhart verzichtet darauf, die Szene genau zu reproduzieren. Stattdessen bringt sie verschiedene Momente zusammen, löst sie in einander auf, wodurch das Hauptthema des Films verstärkt wird – der Versuch, so zu tun, als sei alles in Ordnung. Shaun wird mit einem durch Blasen und Wunden entsetzlich entstellten Gesicht gezeigt. Die Beschwörungen seiner Mutter von zukünftigem Glück klingen dadurch reichlich zweifelhaft.

Sally's Beauty Spot

Helen Lee, CAN, 16mm, 1990, 12', s/w und Farbe, engl. OF

Ein großes schwarzes Muttermal über der Brust einer asiatischen Frau dient dem Film als Metapher für die radikale Unterscheidung in Schwarz und Weiß, wie sie vor allem in der Popkultur dargestellt wird. Ausschnitte aus dem Hollywood Melodram „The World of Suzie Wong“ (1960) und eine Collage von Stimmen kontrastieren Sallys eigene interkulturelle Beziehungen und ihr steigendes Selbstbewusstsein. Eine provokative und gleichzeitig romantische Meditation über Weiblichkeit und die Welt des Dazwischen.

Alpsee

Matthias Müller, DE, 16mm, 1994, 14', Farbe, dt. OF

„Von blutrot bis unschuldig weiß, so weit reicht das Spektrum von ALPSEE. Erzählt wird die Geschichte eines Knaben, der sich auf dem Weg in die Erwachsenenwelt befindet und dabei hin und wieder auf phantastische Abwege gerät: Wir erleben seine Träume mit, in surrealistisch anmutenden Bildern von Milch, die kaskadenartig die Treppen hinabfließt, vom blutroten, pulsierenden Herzen, von Muttis Händen, die mit gewetztem Messer den Sonntagsbraten tranchieren. Der Junge ist gefangen in dieser Welt, die von der Stimmung der frühen 1960er Jahre getragen wird mit all ihren reizvollen Schrecken. Es ist eine fast vergessene Welt, die hier wieder zu tönen beginnt, nicht zuletzt durch die Tonspur des Films, die zurückgeht auf eine weitere Zusammenarbeit Matthias Müllers mit Dirk Schaefer.“ (Bernd Kegel)

Dienstag, 19. November 19.30

 


 

Programm 5

Ökonomie der Moderne

NIEUWE GRONDEN Joris Ivens Niederlande 1934,
L'HISTOIRE DU SOLDAT INCONNU Henri Storck Belgien 1932,
TRADE TATTOO Len Lye UK 1937,
NOUVELLE SOCIETE NO. 6 Groupe Medvedkine de Besançon F 1970,
RAT LIFE AND DIET IN NORTH AMERICA Joyce Wieland Kanada 1968,
FARM LIFE OF TOMORROW Tex Avery USA 1953

 

„Ökomonie der Moderne“ kommentiert die Ambivalenz des technologischen Fortschritts im 20. Jahrhundert. Der Enthusiasmus über die Beherrschung der Natur und die Möglichkeiten globaler Kommunikation stehen der Wirklichkeit militärischer Aufrüstung und Krieg, dem Zynismus der Spekulation an den Börsen oder der Ausbeutung menschlicher Arbeitskraft gegenüber. Das Programm mit experimentellen und dokumentarischen Filmen gipfelt in der Persiflage einer biotechnologisch verbesserten Viehwirtschaft, in der Tex Avery bereits 1953 vorwegnimmt, was in nächster Zukunft so oder ähnlich zum Alltag des zeitgenössischen Verbrauchers gehören könnte.

Nieuwe Gronden

Joris Ivens, NL, 16mm, 1934, 28', s/w, niederl. OmdtU

Joris Ivens hatte den Film 1930 als Stummfilm begonnen, beendete ihn jedoch 1934 unter dem Titel NIEUWE GRONDEN (Neue Erde) mit einem Kommentar und einer Musik von Hanns Eisler. Sein Thema ist das gigantische technische Projekt der Trockenlegung der Zuiderzee, die Gewinnung neuen Bodens und der Kampf des Menschen gegen die Natur, aber auch die Weltwirtschaftskrise 1931/32.

„Die endgültige Schließung der Zuiderzee fand am 28. Mai 1932 statt. Die Gesamtkosten des Dammprojektes beliefen sich bis zu diesem Moment auf eine Milliarde Gulden. 10000 Menschen hatten in zwei Schichten zehn Jahre lang gearbeitet und neues Land geschaffen. Aber die Welt hatte sich in diesen zehn Jahren gewaltig verändert, und die Geschichte sorgte für ein überraschend dramatisches Finale, für einen dritten Akt. Das normalerweise erwartete Ende des Films wäre die triumphale Ernte von den neugeschaffenen Feldern gewesen. Tatsächlich aber geschah es, dass die Tausende von Männern, die den Damm gebaut hatten, plötzlich arbeitslos wurden und die erste Ernte als eine von vielen Überschussproduktionen zu Schleuderpreisen auf einem Weltmarkt verhökert wurde, der schon seine Probleme verzweifelt zu lösen versuchte, indem man in Brasilien den Kaffee verbrannte und Schiffe Getreide versenkten.“ (Joris Ivens)

L'Histoire du soldat inconnu

Henri Storck, BE, 16mm, 1932, 10', s/w, frz. OF

Im August 1928 wurde in Paris der Briand-Kellogg-Pakt abgeschlossen, benannt nach seinen Initiatoren, dem französischen Außenminister Aristide Briand und seinem amerikanischen Amtskollegen Frank Billings Kellogg. 15 Staaten verpflichteten sich, auf Krieg als Mittel zur Lösung internationaler Konflikte zu verzichten. In L'HISTOIRE DU SOLDAT INCONNU (Die Geschichte des unbekannten Soldaten) nimmt Henri Storck die Bilder der letztlich wirkungslosen Vertragsunterzeichnung zum Ausgangspunkt, um aus Wochenschau- und Fotomaterial eine Satire auf den Militarismus und die allgemeine Aufrüstung der Zwischenkriegszeit zu montieren. Storck kritisiert die Faszination der Industruiellen, der Staats- und Kirchenmänner am Krieg, indem er zwischen die offiziellen Bilder von Militäraufmärschen, Kranzniederlegungen und jubelnden Massen Bilder von demonstrierenden Kriegsgegnern und Skeletten schneidet. Die Zerstörung eines Schornsteins wird zu einem Symbol der drohenden Vernichtung der Welt.

Trade Tattoo

Len Lye, UK, 16mm, 1937, 5', Farbe, engl. OF

In den 1930ern war Len Lye ein Pionier des ‚direkten Films‘: Filme, die ohne Kamera entstanden, indem man Bilder direkt ins Zelluloid einkratzte oder darauf malte, Found Footage bearbeitete, Objektschatten auf unbelichteten Film warf und indem man mit einer Reihe früher Farbtechniken experimentierte. Viele seiner abstrakten Filme wurden als Kinowerbung produziert, von der British General Post Office, der Post Office Savings Bank oder von Unternehmen wie Shell in Auftrag gegeben. In TRADE TATTOO verwendete Len Lye Dokumentarfilmmaterial der General Post Office Film Unit, über die er Musterschablonen und Farbabstraktionen legte. Im Auftrag der General Post Office bewarb der Film die neue Energie und den Rhythmus weltweiten Handels und Kommunizierens.

Nouvelle Société No. 6

Groupe Medvedkine de Besançon, FR, 16mm, 1970, 10', s/w, frz. OmdtU

Während der Proteste von 1967, die den Auftakt zur 68er-Revolte und der ersten großen Streikbewegung in Frankreich seit 1936 darstellten, wendeten sich die FilmemacherInnen der Nouvelle Vague den bestreikten Fabriken zu. Sie filmten das Geschehen und präsentierten dort gleichzeitig ihre Filme. Mit „A bientôt j'espère“ (1968) drehten Chris Marker und einige MitstreiterInnen der Produktionskooperative Slon einen Film zur Unterstützung des Arbeitskampfes in der Textilfabrik Rhodiaceta in Besançon. Marker ließ die organisierten ArbeiterInnen zu Wort kommen, der sparsame Kommentar ordnete sich den Aussagen der Streikenden unter. Dennoch wurde von diesen kritisiert, dass der Blick des Films zu sehr außerhalb der Arbeiterklasse stehe. Einige ArbeiterInnen gründeten daraufhin selbst ein Filmkollektiv: die Groupe Medvedkine de Besançon. 1969/70 produzierte die Gruppe eine Reihe kurzer Filme unter dem Titel „Nouvelle Société“, die die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen in den Fabriken beschrieben und zum Widerstand aufriefen gegen die neoliberalen Forderungen der Unternehmer. In NOUVELLE SOCIÉTÉ NO. 6 erzählt ein Mädchen von ihrem Leben: die Mutter schuftet den ganzen Tag in einer Keksfabrik, der Vater ist Fernfahrer, sie selbst wächst bei der Großmutter auf. Der sozial entfremdete Alltag der französischen Arbeiterklasse, gesehen durch die Augen eines Kindes.

Rat Life And Diet in North America

Joyce Wieland, CAN, 16mm, 1968, 14', Farbe, engl. OF

Nach einem Übermaß an Leiden entkommt eine Gruppe rebellischer Hamster aus ihrem von Katzen bewachten Gefängnis. Sie reisen den Hudson River hinauf, besetzen eine Millionärsvilla und verköstigen sich am reich gedeckten Tisch. Schließlich ziehen sie sich nach Kanada aufs Land zurück und betreiben dort ökologische Landwirtschaft ohne Verwendung von D.D.T. Alles geht gut, bis der CIA, der gelesen hat, dass Kanada zu 3% kommunistisch ist, eine Invasion startet. RAT LIFE AND DIET IN NORTH AMERICA zählt zu Joyce Wielands politischsten Filmen, das herzerwärmende Treiben der Kleintiere wird durch den Einsatz von Schrift, durch die großen Begriffe, die über den Bildern liegen, und durch symbolische Bilder wie der Aufnahme von der Leiche Che Guevaras kontrastiert. Vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges richtet sich der Film gegen die militärisch-industrielle Struktur der kapitalistischen Welt.

The Farm of Tomorrow

Tex Avery, USA, 16mm, 1953, 7', Farbe, engl. OF

Von 1941 – 1954 arbeitete der angesehene Cartoonzeichner Tex Avery bei den Metro Goldwyn Mayer Studios. Als Avery seine Arbeit bei MGM begann, verwendete er üppige Farben und realistische Hintergründe. Er entfernte sich jedoch langsam von diesem Stil und ersetzte ihn durch einen ungebändigten, weniger realistischen Ansatz. Das neue, stilisiertere Aussehen spiegelte die notwendigen Kürzungen innerhalb wachsender Budgets ebenso wieder wie Averys Wunsch nach Cartoons, die nicht an die wirkliche Welt gebunden waren. Während dieser Zeit produzierte er eine bemerkenswerte Serie von Filmen, die sich über Zukunftstechnologien mokierten: „The House of Tomorrow“, „The Car of Tomorrow“, „The TV of Tomorrow“ oder THE FARM OF TOMORROW. In letzterem erkundet er den Bauernhof der Zukunft, indem er über die angeblichen Segnungen der Kreuzungszüchtung spekuliert.

Dienstag, 01. November 19.30

 

 


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